Kräne stehen auf der Baustelle. | dpa
Reportage

Branche unter Druck Die größten Sorgen auf der Baustelle

Stand: 19.05.2022 13:22 Uhr

Teures Holz, fehlender Stahl - der Ukraine-Krieg hat die Rohstoffpreise hochschießen lassen und viele Mängel erzeugt. Was bedeutet das für die Arbeit auf der Baustelle? Ein Besuch vor Ort.

Von Andre Kartschall, rbb

Dieter Mießen steht auf einer Baustelle in einer Berliner Nebenstraße. Innerhalb weniger Minuten kann er erklären, was gerade alles schief läuft mit der Weltwirtschaft. Vor ihm liegt eine Trinkwasserleitung, die seine Firma hier verlegt. Mießen legt seine Hand auf ein Ventil, ein sogenanntes T-Stück, nicht einmal einen halben Meter lang. "Goldstaub", sagt der Prokurist des Berliner Tiefbau-Unternehmens Frisch & Faust. Das Teil sei momentan kaum zu bekommen. "Das besteht aus Gussstahl. Und den Rohstahl für solche Teile hat Deutschland bisher viel aus der Ukraine bekommen." Das ist jetzt vorbei.  

Andre Kartschall

Stattdessen herrscht Mangelwirtschaft. Die Logistik ist durcheinander geraten. Erst durch die weltweiten Folgen der Corona-Maßnahmen, jetzt durch den Ukraine-Krieg. Das Prinzip der Lieferung "Just In Time", also genau in dem Moment, wenn Teile gebraucht werden, funktioniert nicht mehr. Stattdessen wird alles teurer.

Täglich neue Preise

"Rohre: plus 65 Prozent, Holz: plus 100 Prozent, Asphalt ... das kann ich gar nicht sagen. Da gelten mittlerweile täglich andere Preise", geht Mießen die Kostenfaktoren durch. Die Preissteigerungen sind plötzlich gekommen. Sie haben die Baubranche kalt erwischt. Unsicherheit bestimmt das tägliche Geschäft. "Seit dem magischen Datum 24. Februar. Das wird sich in die Köpfe der Kalkulatoren einbrennen. Das war der Tag, an dem alles teurer wurde", sagt Mießen.

Die Bauunternehmen spüren die Folgen mehr als viele andere Branchen. In ihren Verträgen sind Materialkosten meist fix eingepreist. Auf den Mehrkosten durch die Preissteigerungen bleiben Bauunternehmer häufig sitzen. Viele Auftragsbücher sind zwar voll, doch es bleibt weniger Geld hängen als erhofft. Wenn dann noch Lieferschwierigkeiten dazukommen, verzögert sich das Bauen - und wird nochmals teurer. Die Folge: Das Wachstumsziel von nominal 5,5 Prozent für dieses Jahr hat der Branchenverband HDB gerade einkassiert. Nun ist man froh, wenn man das Jahr ohne Schrumpfung übersteht.  

Ungewisse Baukosten

Die Unsicherheit, zu welchem Preis die Unternehmen Material beschaffen können - einige werden versuchen, sie an ihre Kunden weiterzugeben. "Das Zauberwort heißt Preisgleitklausel", erklärt Mießen. Statt eines festen Betrags für Baustoffe soll nun ein Verweis auf die zum Bauzeitpunkt gültigen Marktpreise in die Verträge aufgenommen werden. Die Preisunsicherheit gilt dann also für die Auftraggeber. Das dürfte wiederum dazu führen, dass einige davon Abstand nehmen, überhaupt zu bauen.

Die Baubranche, die oft als "Konjunkturmotor" bezeichnet wird, ist bereits ins Stocken geraten. Wann sie wieder Fahrt aufnimmt, kann niemand mit Sicherheit sagen. Zu tief sitzt der Schock, der die globalen Lieferketten ereilt hat. Und es kann noch schlimmer kommen.  

Dieter Mießen kniet vor einem T-Stück. | Andre Kartschall

Dieter Mießen von Frisch & Faust Tiefbau in Berlin mit einem der Bauteile, die derzeit Mangelware sind. Bild: Andre Kartschall

Schreckensszenario Ölembargo

"Asphalt", antwortet Mießen auf die Frage, was ihm am meisten Sorgen macht. Denn dieser müsse exakt zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Temperatur angeliefert werden, sonst können man ihn nicht mehr walzen. Das zu planen, ist momentan schwierig, die Nachfrage übersteigt das Angebot. Und Asphalt ist ein Nebenprodukt, das in Ölraffinerien erzeugt wird.

Berlin ist, wie weite Teile Ostdeutschlands, direkt von Lieferungen aus der PCK-Raffinerie in Schwedt angewiesen. Diese gehört mehrheitlich dem russischen Rosneft-Konzern. Falls es ein Ölembargo geben sollte, befürchtet Mießen, dass von einem Tag auf den anderen kein Asphalt mehr da ist. Die Raffinerie in Schwedt stellt rund ein Drittel des für Asphalt und andere Produkte in Deutschland nötigen Bitumens her. Ein Produktionsstopp wäre für die Baubranche kaum verkraftbar.

Stahl als Diebesgut

Seit Februar gibt es noch ein weiteres Problem auf den Baustellen. "Es wird rund doppelt so viel gestohlen wie vorher", so Mießen. Die hohen Rohstoffpreise sorgen dafür, dass Diebstahl sich noch mehr lohnt. Vor allem Diesel wird abgezapft.

Neuerdings aber schrecken die Diebe auch nicht mehr davor zurück, selbst schwere Bauteile zu entwenden. "Sogar Stahl, den wir zum Bauen brauchen, wird über Nacht gestohlen", sagt Mießen ohne sichtbare Emotion. Es ist eben längst nicht sein größtes Problem.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Mai 2022 um 12:00 Uhr.