Ein leeres Hotel auf Mallorca | dpa

Armut auf der Balearen-Insel Mallorcas schlimmes Jahr

Stand: 22.12.2020 11:18 Uhr

Die Tourismus-Krise in Spanien trifft die Balearen besonders hart - sie leben fast ausschließlich von ausländischen Gästen. Viele Inselbewohner sind auf Lebensmittel-Spenden angewiesen.

Natalia Bachmayer, ARD-Studio Madrid

Wenn Isabel Mairata richtig Eindruck machen will, führt sie Besucher auf die Dachterrasse des "Es Princep". Die ist das Renommierstück ihres Fünf-Sterne-Hauses, mit 360-Grad-Blick auf die Strandpromenade und die Altstadt von Palma de Mallorca. Hier hat sie im Juni, nach drei Monaten Alarmzustand, Tische und Stühle wieder ausgepackt - und gehofft, dass nach der verpatzten Ostersaison wenigstens der Sommer gut laufen würde. 

Natalia Bachmayer ARD-Studio Madrid

Aber es kam anders: Partyszenen am Ballermann, die zweite Corona-Welle und Mitte August die Reisewarnung der Bundesregierung für die Balearen. Im November, als dann auch noch das Wetter schlechter wurde, war klar: So geht es nicht mehr weiter. Mairata musste das "Es Princep" vorläufig schließen und den Notfallplan aktivieren. "Jetzt gehen wir an unser Kapital und ans Ersparte. Und wenn das nicht mehr geht, nehmen wir halt einen Kredit auf", sagt sie. "Denn egal, ob das Hotel offen ist oder geschlossen: Es kostet viel Geld, wir müssen es ja in Schuss halten."

Gespenstische Stille

Auf Mallorca ist es selbst für die Wintersaison gespenstisch still geworden. Ein paar Urlauber verlieren sich zwischen den verrammelten Strandbuden. Die, die regelmäßig zum Überwintern herkommen, erkennen die Insel nicht mehr wieder. Am Strand und im Hotel seien dieses Jahr mehr Spanier als sonst, berichtet ein Ehepaar aus Hannover - Deutsche dagegen kaum noch. 

Und genau das bringt Mallorca nach neun Monaten Corona an den Rand des Kollapses. Unter Reisewarnungen und Quarantänepflicht hat zwar ganz Spanien zu leiden. Die Urlaubsregionen an der Nordküste und in Andalusien haben in den Sommermonaten aber auch einheimische Stammkundschaft - und die ist ihnen auch in diesem Sommer treu geblieben. Die Balearen dagegen leben fast komplett von Ausländern, für Spanier sind sie praktisch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Mit verheerenden Folgen: 13 Milliarden Euro Einnahmen sind den Inseln dieses Jahr entgangen, schätzt der Touristikverband. 

Verein hilft mit dem Nötigsten

An die 600.000 Menschen haben ihren Job verloren oder sind in Kurzarbeit. Viele von ihnen haben kaum Reserven, sind finanziell auf null. Ohne Lebensmittelspenden kämen sie nicht mehr über die Runden. Ramón Rodríguez zum Beispiel. Der Vater von drei Kindern hat mal hier, mal da gearbeitet: als Gärtner, als Maurer oder Handwerker. Er bekommt im Moment weder Sozialhilfe noch sonst irgendeine staatliche Unterstützung. Der gemeinnützige Verein Tardor hilft ihm mit Kleidung und Lebensmitteln. "Sonst hätten wir nichts", sagt er.

Ein Mann nimmt bei einer Essensausgabe in Palma de Mallorca Lebensmittel entgegen.  | AFP

Ein Mann nimmt bei einer Essensausgabe in Palma de Mallorca Lebensmittel entgegen. Bild: AFP

Es ist nicht so, als ob es Armut auf Mallorca nie gegeben hätte. Aber jetzt kommen die ehrenamtlichen Helfer bei Tardor mit der Arbeit kaum noch hinterher. Die Nachfrage hat sich verdrei-, vielleicht sogar vervierfacht, schätzt Toni Bauzá, der Leiter der Essensausgabe. Er lobt die deutsche Community auf Mallorca: "Die, die hier leben und vielleicht selbst ein Geschäft oder einen Gastronomiebetrieb haben, die haben einen unheimlich wachen Blick auf das, was sich hier gerade abspielt und sind sehr solidarisch. Sie helfen gern."

Zu wenig Lebensmittel

Trotzdem: Bauzá bräuchte noch viel mehr Spenden. Mittlerweile hat er schon eine Warteliste für die Bedürftigen, die Lebensmittel reichen hinten und vorne nicht. Die Freiwilligen, die in der Küche arbeiten, sind schockiert, wie viele Menschen plötzlich Hilfe brauchen - und vor allem: welche. Das seien nicht mehr nur Obdachlose, sagt eine: "Das sind ganz normale Leute wie Du und ich. Sie haben einfach nur ihre Arbeit verloren."

Isabel Mairata jedenfalls hat lange gezögert, das "Es Princep" zu schließen. Und jetzt will sie so schnell wie möglich wieder aufmachen. An fast jedem Restaurant oder Hotel hängen Existenzen und Familien, sagt sie.  Viele ihrer Angestellten arbeiten schon seit Jahren bei ihr, und die hätten - wie sie selbst auch - unheimlich Lust, weiterzumachen. "Mit ein bisschen Hilfe von den Impfungen, die jetzt kommen, wird es auch weitergehen. Nur vielleicht ein bisschen später als gedacht."

Eigentlich wollte Isabel Mairata schon Ende Februar wiedereröffnen - das erscheint ihr jetzt doch ein bisschen optimistisch. Aber irgendwann Richtung Sommer kommen die Deutschen, die Engländer und die Holländer wieder. Davon ist sie fest überzeugt.

Über dieses Thema berichtete HR am 21. November 2020 um 21:00 Uhr.