Hände mit Geldscheinen

Gewerkschaften fordern deutliche Lohnsteigerung Das Ende der Bescheidenheit

Stand: 30.07.2010 13:03 Uhr

Für die Gewerkschaften ist die Zeit der Zurückhaltung bei den Lohnforderungen vorbei. Sie fordern für die anstehenden Tarifrunden deutlich mehr Geld für die Beschäftigten, um sie am Aufschwung zu beteiligen. "Wir müssen Abschlüsse in Richtung drei Prozent hinbekommen", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg, der "Süddeutschen Zeitung". Der Vizechef der IG Bau, Dietmar Schäfers, verlangte für die 2011 anstehenden Tarifverhandlungen einen "Nachschlag" für die knapp 700.000 Beschäftigten seiner Branche. Die Arbeitgeber müssten sich in besseren Zeiten daran erinnern, "dass wir uns in den schlechten verantwortungsvoll gezeigt haben".

Die Arbeitgeber wiesen die Forderungen der Gewerkschaften zurück. "Es wäre fatal, den beginnenden Aufschwung durch überzogene Lohnforderungen zu gefährden", sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Ziel müsse es sein, die wirtschaftliche Erholung durch eine "kluge Tarifpolitik" und wettbewerbsfähige Arbeitsplätze zu fördern.

Tarifrunden in großen Branchen stehen an

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle
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Wirtschaftsminister Brüderle erwartet im laufenden Jahr ein kräftiges Wirtschaftswachstum.

Ende 2010 und in der ersten Jahreshälfte 2011 laufen Tarifverträge für mehrere große Branchen aus. In der Eisen- und Stahlindustrie wird schon ab Herbst verhandelt. Wenige Monate später folgt die Tarifrunde für das Hotel- und Gaststättengewerbe. Auch im öffentlichen Dienst der Länder stehen zum Jahreswechsel Gespräche über einen neuen Tarifvertrag bevor. Im Frühjahr 2011 schließen sich daran unter anderem die Verhandlungen für das Bauhauptgewerbe, den Einzelhandel und die Druckindustrie an. In der für die Exportwirtschaft besonders wichtigen Metall- und Elektrobranche gilt der derzeitige Tarifvertrag dagegen bis 2012.

Der Wunsch der Gewerkschaften nach deutlich mehr Geld für die Beschäftigten stützt sich besonders auf die guten Konjunktur- und Unternehmenszahlen der vergangenen Monate. Zwischen April und Juni legte die deutsche Wirtschaft nach Expertenschätzungen besonders stark zu. Die offiziellen Zahlen veröffentlicht das Statistische Bundesamt Mitte August. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle erklärte kürzlich bereits, dass das Bruttoinlandsprodukt für das Gesamtjahr 2010 voraussichtlich deutlich stärker wachsen werde als die bisher vorausgesagten 1,4 Prozent.

Unternehmen mit Rekordgewinnen

Die positive Entwicklung spiegelt sich auch in den aktuellen Zahlen der Unternehmen wider. Der Autokonzern Daimler meldete für das zweite Quartal erneut einen Milliardengewinn und für Mercedes Benz sogar das beste Quartal der Firmengeschichte. Auch Volkswagen und die Deutsche Bank verbuchten seit Januar hohe Gewinne. Audi verzeichnete das beste erste Halbjahr der Unternehmensgeschichte. Siemens, Henkel und Adidas steuern im laufenden Jahr auf Rekordergebnisse zu. Andere Firmen verbreiteten ähnlich gute Gewinnaussichten.

Vor diesem Hintergrund erklärte Brüderle im "Handelsblatt", dass er Verständnis für die Gehaltsforderungen der Gewerkschaften habe - "da, wo sich Betriebe höhere Löhne leisten können". Er könne aber keine Empfehlungen abgeben. Er hoffe, "dass die Gewerkschaften insgesamt weiter pragmatisch und mit Augenmaß vorgehen".

Tariflöhne steigen nur langsam

Die Ergebnisse der Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften in den zurückliegenden Tarifrunden sind derzeit zu spüren. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lagen die tariflich vereinbarten Verdienste der Arbeitnehmer im April um 1,9 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Der Anstieg fiel aber vergleichsweise gering aus. Im Krisenjahr 2009 lag die Steigerungsrate bei 2,8 Prozent. Vor allem Tarifverträge mit langen Laufzeiten führten dazu, dass die Löhne in der Phase der Rezession teilweise noch kräftig stiegen. Nach deren Auslaufen berücksichtigten neue Tarifverträge die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Neue Tarifabschlüsse in den vergangenen Monaten sahen daher meist deutlich geringere Anhebungen der Löhne und Gehälter vor.

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