Ein Transportschiff für verflüssigtes Erdgas wird in Katar beladen | AP

Verband fordert mehr Tempo Kommen die LNG-Terminals schnell genug?

Stand: 28.06.2022 08:27 Uhr

Verflüssigtes Erdgas, kurz LNG, soll Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas verringern. Der Bau von zwei Terminals für LNG wird möglicherweise länger dauern als erhofft, so der Verband Zukunft Gas.

Die beiden LNG-Terminals, die in Schleswig-Holstein und Niedersachsen bis zum Jahreswechsel in Betrieb gehen und Deutschland mit Flüssiggas versorgen sollen, können nach Einschätzung des Verbandes Zukunft Gas möglicherweise nicht rechtzeitig den Betrieb aufnehmen. Die von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck geplante Inbetriebnahme von mindestens zwei LNG-Terminals bis Jahresende könnte sich verzögern.

"Bislang kennen wir nur von einem dieser schwimmenden LNG-Terminals mit Wilhelmshaven eine klare Umsetzungsperspektive. Die geplanten stationären Terminals haben weiterhin keine abschließenden Investitionsentscheidungen. Hier und bei einigen weiteren regulatorischen Fragen benötigt die Branche endlich Klarheit," sagte Timm Kehler, Vorstand des Verbandes Zukunft Gas, der "Bild"-Zeitung. Um im kommenden Jahr eine Kapazität von 13 Milliarden Kubikmetern Erdgas über die LNG-Terminals zu erreichen, müsse beim Auf- und Ausbau der Kapazitäten weiter Tempo gemacht werden, so Kehler.

In den Terminals, über die verflüssigtes Erdgas in großen Speichersystemen ankommt, wird LNG wieder in den gasförmigen Zustand verwandelt und dann in Gasleitungen eingespeist. Sie gelten als wichtige Möglichkeit, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. LNG wird vor allem aus den USA, aber auch aus Asien und dem Nahen Osten geliefert.

Gasspeicher bei 60 Prozent

Ob die Erdgasspeicher in Deutschland für den kommenden Winter ausreichend gefüllt werden können, ist derzeit noch ungewiss. Wie am Montagabend aus der Webseite von Europas Gasinfrastrukturbetreiber (GIE) hervorging, waren die Speicher zu 60,26 Prozent gefüllt. Ziel von Bundeswirtschaftsminister Habeck ist es, die Speicher bis Anfang November zu mindestens 90 Prozent zu füllen.

Doch selbst wenn die Gasspeicher bis zum Herbst komplett gefüllt wären, so würden ihre Mengen wohl nicht für die komplette Heizperiode ausreichen, ohne dass neues Gas geliefert wird. Nach Schätzung des Präsidenten der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, würden die Gasspeicher bei einem durchschnittlichen Winter nur zweieinhalb Monate reichen, um die Nachfrage zu decken.

Sparen ab Juli?

Nach Berechnungen der Bundesnetzagentur kann aber auch dann eine Gasmangellage abgewendet werden. Dazu müsste allerdings der Erdgas-Verbrauch in Deutschland ab Juli um 20 Prozent sinken - das geplante Zurückfahren der Gaskraftwerke in der Stromproduktion würde dafür bei weitem nicht ausreichen.

Neben dem beiden geplanten LNG-Terminals ist auch der Ostseehafen Lubmin für die Anlandung von Flüssiggas im Gespräch. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte sich in der vergangenen Woche optimistisch gezeigt, dass in Lubmin "in einigen Monaten die Anlandung von Flüssiggas möglich sein wird. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir da zu guten Ergebnissen kommen", so Scholz.

USA und Katar als Lieferanten

Größere Mengen LNG werden vor allem aus den USA erwartet. Infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben die USA ihre Exporte von Flüssiggas nach Europa fast verdreifacht. Seit März seien die weltweiten LNG-Exporte nach Europa im Vergleich zu 2021 um 75 Prozent gestiegen, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung von US-Präsident Joe Biden und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die am Montag beim G7-Gipfel in Bayern veröffentlicht wurde. Man arbeite zusammen, um die Abhängigkeit Europas von russischer Energie zu beenden.

Das Emirat Katar wird wohl erst im übernächsten Jahr größere LNG-Lieferungen nach Deutschland vornehmen können. Wirtschaftsminister Habeck hatte im Mai offiziell die deutsch-katarische Energiepartnerschaft unterzeichnet. Katar will dabei seine US-Flüssiggasanlage Golden Pass in Texas nutzen, an der Qatar Energy 70 Prozent hält.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juni 2022 um 03:00 Uhr.