Geplanter Standort des LNG-Anlage in Wilhelmshaven | REUTERS
FAQ

Flüssiggas-Projekte Im Eiltempo zu den LNG-Terminals

Stand: 05.05.2022 17:44 Uhr

Mit Hilfe von verflüssigtem Erdgas (LNG) will Deutschland so schnell wie möglich unabhängig von russischen Gasimporten werden. Mehrere Anlagen sind geplant und teils schon im Bau. Ein Überblick über den Stand der Projekte.

Die Bauarbeiten für ein schwimmendes Flüssiggas-Terminal in Wilhelmshaven an der Nordseeküste haben begonnen. Mit dem Projekt macht die Bundesregierung Tempo beim Ausbau der deutschen LNG-Infrastruktur. Wo und bis wann sollen weitere Anlagen entstehen? Wie schnell lässt sich mit Flüssiggas die Abhängigkeit von russischer Energie verringern? Welche Kritik richtet sich gegen LNG?

Ist LNG eine Alternative zu russischem Erdgas?

Ja, kurzfristig schon. Da die Bundesregierung am Kohle- und Atomausstieg festhält, braucht Deutschland zunächst weiter Gas im Zuge des Übergangs zur angestrebten Umstellung auf erneuerbare Energien. Flüssiggas (Liquefied Natural Gas = LNG) hat den Vorteil, dass es auch in weit entfernten Ländern gekauft und per Schiff transportiert werden kann. Durch die Verflüssigung bei minus 162 Grad schrumpft das Volumen enorm, was den Transport erleichtert: Aus 600 Kubikmetern Erdgas in gasförmigem Zustand wird ein Kubikmeter LNG. Zwar sind Transport und Wiederaufbereitung von Flüssiggas energieintensiv und technisch anspruchsvoll. Aber es kann kurzfristig an ein Terminal geliefert werden und in der Folgen in das Gasnetz eingespeist werden.

Welche Infrastruktur wird für LNG wird benötigt?

Für die Umwandlung von Flüssig- in Erdgas sind bestimmte Anlagen notwendig. LNG-Terminals sind erforderlich, um das Flüssiggas zu erwärmen und zu verdichten, also es in Erdgas aufzubereiten. Anschließend kann das Gas in Hochdrucknetze eingespeist werden, über die herkömmliches Erdgas fließt. An den Terminals kann das LNG auch auf kleinere Schiffe, Güterwaggons oder Lastwagen verladen werden. Weil sich solche stationären Terminals nicht von heute auf morgen errichten lassen, lohnen sich schwimmende Anlagen als kurzfristige Alternative. Auf so genannten Floating Storage and Regasification Units (FSRU) können Spezialschiffe das LNG von Tankern aufnehmen und dieses an Bord in Gas umwandeln.

Wie viel Flüssiggas will Deutschland beziehen?

Bisher hat Deutschland kein eigenes LNG-Terminal. Deshalb muss hierzulande Flüssiggas über Terminals in Belgien (Zerbrügge), Frankreich (Dunkerque) und in den Niederlanden bezogen werden. In Europa gibt es aktuell 37 LNG-Terminals, davon 26 in den EU-Mitgliedsländern. Die Bundesregierung plant den Bau von eigenen deutschen Terminals und schwimmenden Anlagen. Letztere sollen zusammen auf eine Kapazität von bis zu 27 Milliarden Kubikmetern Gas kommen. Dies würde ausreichen, um rund die Hälfte der bisherigen russischen Erdgaslieferungen zu ersetzen.

Woher kommt das LNG?

Nach Angaben der Brüsseler Denkfabrik Bruegel importierte die EU in den ersten vier Monaten dieses Jahres rund 50,4 Milliarden Kubikmeter LNG. Das sind fast 20 Milliarden mehr als 2021. Laut den Experten von Cedigaz importierte Europa im vergangenen Jahr mehr als ein Viertel seines Flüssiggases aus den USA. Weitere 24 Prozent stammten aus Katar, 20 Prozent kamen aus Russland. Größere Mengen bezog die EU auch aus Nigeria und Algerien. Inzwischen haben sich die Importe deutlich verschoben. Bereits im Januar stieg der Anteil der US-Lieferungen in Europa auf mehr als 50 Prozent, wie die US Energy Information Administration berichtete. Laut der KfW könnten die USA bis 2024 zum größten LNG-Exporteur werden. Bisher dominieren Katar und Australien den Weltmarkt. Das Problem: Die meisten LNG-Lieferungen sind an langfristige Verträge gebunden. Laut den Analysten von S&P sind 80 Prozent der globalen Gaslieferungen durch langfristige Verträge abgedeckt. Kurzfristig könnte umgeleitetes Gas nur 13 Prozent der europäischen und britischen Importe aus Russland ausgleichen.

Welche Projekte sind im Bau, welche in der Planung?

Deutschland plant den Bau von zwei LNG-Terminals in Brunsbüttel und Stade. Zudem sind mindestens vier schwimmende Anlagen an der Nordseeküste entstehen. Die Bundesregierung hat für fast drei Milliarden Euro vier Floating Storage and Regasification Units (FSRU) bestellt. Zwei von ihnen sollen bis zum Winter ans Netz gehen - in Wilhelmshaven und Brunsbüttel. Zwei weitere Anlagen sollen im Mai 2023 folgen. Als mögliche Standorte sind laut Bundeswirtschaftsministerium Stade, Rostock, Hamburg und Eemshaven in den Niederlanden im Gespräch.

Die Nase vorn hat derzeit das schwimmende LNG-Terminal in Wilhelmshaven, dessen Bau nun mit dem ersten Rammschlag für einen Anleger begann, an dem die LNG-Tanker später festmachen sollen. Die Anlage soll künftig 8,5 Prozent des deutschen Gasbedarfs decken, teilte der Betreiber Uniper mit. Das zweite schwimmende LNG-Importterminal soll bis Ende des Jahres in Brunsbüttel starten. Wilhelmshaven soll zu einer Art Drehscheibe für Energie für Deutschland werden. Dort könnte im Herbst 2023 eine weitere schwimmende Anlage der Nord-West Oelleitung mit neun Milliarden Kubikmeter in Betrieb gehen. Das Gas vom Terminal könnte über eine unterirdische Pipeline bis zum Gas-Fernleitungsnetz im ostfriesischen Etzel transportiert werden. Der Gasnetzbetreiber Open Grid Europe will eine rund 30 Kilometer lange Pipeline bauen.

Die provisorischen schwimmenden LNG-Terminals sollen ab 2025 durch feste Anlagen an Land ersetzt werden. So hat die Bundesregierung den schnellen Bau zweier stationärer LNG-Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel angekündigt. Die belgische Investorengruppe TES plant, bis 2024 einen Anlandeplatz für LNG im Rahmen eines "Green Energy Hubs" in Wilhelmshaven aufzubauen. In Brunsbüttel will die German LNG Terminal GmbH die Errichtung einer LNG-Anlage vorantreiben. Der niederländische Gasnetzbetreiber Gasunie, der RWE-Konzern und auch die staatliche Förderbank KfW haben ihr Interesse signalisiert, sich an dem Vorhaben zu beteiligen.

Auch im niedersächsischen Stade laufen die Planungen für einen LNG-Terminal der Hanseatic Energy Hub GmbH. Der Hafen- und Schiffahrtslogistiker Buss Group, der belgische Pipeline-Betreiber Fluxys und die Schweizer Private-Equity-Gesellschaft Partners Group wollen sich am Konsortium beteiligen. Ende März unterzeichnete der Versorger EnBW eine Absichtserklärung für den Import von drei Milliarden Kubikmeter LNG jährlich über die Anlage in Stade.

Was kostet LNG?

Die Versorgung mit LNG dürfte deutlich teurer werden als mit herkömmlichem Erdgas. Aufgrund des aufwendigen Transports und der Wiederaufbereitung liegt der Preis für LNG meist über dem Preis für Pipeline-Gas. Die meisten LNG-Mengen sind an langfristige Lieferverträge gebunden. Neue Kontingente müssen teuer am Spotmarkt eingekauft werden. Deutschland und die EU sehen hier im Wettbewerb mit Asien. Viele Staaten müssen dort Kohle durch Gas ersetzen und zahlen hohe Preise für LNG. In Japan lag der LNG-Preis bereits 2020 fast so doppelt so hoch wie die deutschen Gasimport-Preise.

Welche Kritik gibt es an LNG?

Die Flüssiggas-Projekte in Deutschland sind umstritten. Vor allem Umweltverbände kritisieren die Ausbaupläne der LNG-Infrastruktur. Die Nutzung von LNG widerspreche dem Klimaneutralitätsziel der Bundesregierung, moniert der BUND. Die Verflüssigung von Gas zu LNG und der Transport seien sehr energieintensiv und könnten teils klimaschädlicher sein als die Kohlenutzung. Außerdem stünde der Artenschutz in Gefahr, weil die Genehmigungsverfahren ausgesetzt würden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2022 um 18:00 Uhr.