Lithium | Bildquelle: REUTERS

Lithiumvorkommen in Portugal Der Aufstand gegen das "Weiße Gold"

Stand: 19.09.2019 08:57 Uhr

Die Aussichten für die strukturschwache Region könnten blendender nicht sein: Durch den Abbau von Lithium würden im Norden Portugals zahlreiche Arbeitsplätze entstehen. Nur - die Anwohner wehren sich.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid, zzt. Porto

Es ist noch alles völlig offen: Keiner weiß, ob und wenn ja, wann in der Gegend Lithium abgebaut wird. Aber Aida Fernandes hat schon eine klare Meinung dazu: "Auf immer und ewig: Nein. Unsere Antwort ist Nein, das ist der Wille der Bevölkerung. Und wir werden alles tun, unseren und den Willen der Betroffenen durchzusetzen."

So klingt eine Kampfansage. Fernandes gehört zu einer Bürgerinitiative, die sich in Covas do Barroso gegründet hat, einem kleinen Dorf im Norden Portugals, nahe der spanischen Grenze. Hier sollen die Abbaugebiete entstehen: Eine Fläche von 700 Hektar soll dann von bis zu 600 Quadratmeter großen Löchern durchpflügt sein, die 150 Meter tief in die Erde reichen. Für Fernando Queiroga eine schlimme Vorstellung. Er ist Landrat der Region: "Der Landkreis Boticas ist aufgrund der gegenwärtigen Erkenntnisse absolut gegen den Lithiumabbau. Vor allem wegen der Auswirkungen auf die Umwelt."

Sorgen um die Umwelt

Die Ablehnung des Landrats ist erstaunlich. Schließlich ist diese Region besonders strukturschwach. Viele Menschen haben die Gegend verlassen, um anderswo Arbeit zu finden. Der Lithiumabbau könnte für Steuereinnahmen und Arbeitsplätze sorgen, die hier so dringend gebraucht werden. Aber die Sorgen um die Umwelt überwiegen - nicht ohne Grund.

Mitarbeiter einer Batterie-Fabrik in der chinesischen Anhui-Provinz. | Bildquelle: AFP
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In Fabriken entstehen aus Lithium Batterien - wie hier in China.

Tatsächlich muss für ein Kilo Lithium etwa eine Tonne Granit zerkleinert und ausgewaschen werden. Das geht nur mit teils aggressiven Chemikalien. Für die ersten Erderkundungsarbeiten wurden schon Waldstücke gerodet, Straßen für Bagger angelegt und Erde ausgehoben. All das in einer Gegend, die erst vor einem Jahr zum "Landwirtschaftlichen Welterbe" erklärt wurde. Nelson Gomes, Vorsitzender der Bürgerinitiative: "Wir haben diese Auszeichnung von der Welternährungsorganisation wegen der Qualität unserer landwirtschaftlichen Produkte bekommen, wegen unserer nachhaltigen Landwirtschaft. All das steht jetzt auf dem Spiel."

 Groll gegen Lissabon

Die betroffene Region heißt Trás-os Montes - übersetzt: Hinter den Bergen. Und tatsächlich fühlen sich viele Menschen hier seit langem isoliert, abgehängt und den  Regierenden in Lissabon ausgeliefert. Das hat seine Geschichte: In der Gegend gibt es mehrere verlassene Gold- und Uranminen, die Narben in der Landschaft hinterlassen haben. Die Regierung ließ Stauseen gegen den Willen der Bevölkerung anlegen, um Menschen fernab von hier mit Wasser zu versorgen.

Heute regiert hier das Misstrauen. Landrat Queiroga:

"Das macht uns böse. Denn nie wollte irgendjemand etwas von den Gemeinden im Landesinneren wissen. Aber das Gute, das es hier gibt, wird uns geraubt, weil wir wenige sind und sich niemand für uns interessiert. Für uns bleibt nichts, den Nutzen hat immer nur Lissabon, die Hauptstadt des Imperiums."

Der Landrat will, dass die Einwohner der Gegend über den Lithiumabbau das letzte Wort haben sollen.

Eine alte Lithium-Ionen-Batterie | Bildquelle: REUTERS
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Eine alte Lithium-Ionen-Batterie

"Goldene" Aussichten

João Galamba sitzt im Zentrum von dem, was der Landrat "Imperium" nennt. Er ist Staatssekretär im Umweltministerium und für das Projekt verantwortlich. Die Regierung hat neun mögliche Orte für den Lithiumabbau gefunden, sie sollen jetzt international ausgeschrieben werden. Für Galamba ist das eine Investition in eine Zukunft, die auf erneuerbaren Energien beruht. Portugal, so der Staatssekretär, will in dieser Zukunft nicht nur Rohstofflieferant sein, sondern das Lithium auch selbst weiterverarbeiten: "Die Bergwerke und eine Lithium-Raffinerie bedeuten Tausende von Arbeitsplätzen und Investitionen von mehreren Hundert Millionen Euro."

Natürlich solle die Umwelt so gut es geht geschützt werden, sagt Galamba. Und selbstverständlich würden die Gemeinden der Gegend auch am Gewinn beteiligt. Doch die Menschen dort bleiben skeptisch.

"Nicht um jeden Preis"

"Sicher wollen wir Arbeitsplätze schaffen und die Landflucht stoppen," sagt Orlando Alves, Landrat des Nachbarkreises Montalegre. Aber nicht um jeden Preis. "Nichts ist uns wichtiger als die Erhaltung unserer Umwelt, unserer intakten Landschaft und unserer landwirtschaftlichen Qualitätsprodukte. Das ist uns heilig!"

Bauer Armando Teixeira ist da ganz seiner Meinung. Er lebt in einem kleinen Dorf bei Montalegre und ist einer von wenigen Einwohnern. Auch seine beiden Söhne haben die Gegend längst verlassen. Die Lithium-Pläne der Regierung bereiten auch ihm Sorgen: "Ich weiß nicht wirklich, was das werden soll. Es wäre schön, wenn die jungen Leute hier Arbeit hätten, aber die werden wohl viele Löcher graben und alles verändern, und das könnte die Umwelt beeinflussen."

Alle warten hier nun auf Umweltstudien, die in den kommenden Wochen erscheinen sollen. Dass sie aber noch vor den Parlamentswahlen am 6. Oktober veröffentlicht werden, ist unwahrscheinlich. Sollten die Studien negativ ausfallen, könnten sie das Vorhaben der Regierung noch stoppen. Sollte die Regierung ihre Pläne trotzdem durchziehen, so Landrat Quieroga, bekäme sie es mit der Wut der Menschen von hier zu tun: "Wir hier in der Region Barroso wollen nicht betrogen werden. Wir sind zwar gastfreundlich und offen. Aber nur zu unseren Freunden. Wer uns betrügen will, der bekommt Ärger."  

Portugal: Geplanter Lithiumabbau sorgt für Ärger
Marc Dugge, ARD Madrid
19.09.2019 08:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. September 2019 um 06:23 Uhr.

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