Hintergrund

Online-Geldwäschering gesprengt Digitales Bargeld, krumme Geschäfte

Stand: 29.05.2013 18:02 Uhr

Über Jahre soll das Online-Bezahlsystem des Unternehmens Liberty Reserve mit seiner digitalen Währung "LR" zur Geldwäsche von Milliardenbeträgen genutzt worden sein. Das System funktionierte, weil Nutzer anonym bleiben konnten - und weil weitere Firmen illegale Geldströme deckten.

Von Peer Junker, tagesschau.de

Mit einem Klick im Internet einkaufen und bezahlen - das ist einfach und auch meist sicher. Seriöse Bezahldienste bieten dafür ihre Dienste auch in Deutschland an. Auch digitale Währungen liegen scheinbar im Trend. Gerade führte der Internethändler Amazon eine eigene Währung ein - wenn auch zunächst nur in den USA.

Doch der Zahlungsverkehr über das Internet ist nicht nur unkompliziert, er macht es offenbar auch Betrügern und Geldwäschern einfach, illegale Geschäfte abzuwickeln. So werden im Internet offenbar ganze Finanzsysteme betrieben, die sich der Kontrolle der Behörden entziehen.

Liberty Reserve
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Nach Angaben der US-Ermittler soll Liberty Reserve mehr als eine Million Kunden gehabt haben. Viele nutzten den Dienst offenbar für illegale Geschäfte.

Jüngster Fall: Das Internet-Bezahlsystem von Liberty Reserve aus Costa Rica. Das Internetunternehmen soll die Basis für einen gigantischen Geldwäsche-Ring gewesen sein. Über den Dienst seien mehr als sechs Milliarden Dollar (4,7 Mrd Euro) aus kriminellen Machenschaften geflossen, erklärte die federführende New Yorker Staatsanwaltschaft nach Ermittlungen von Justizbehörden in mehreren Länden. Und Liberty Reserve verdiente an der illegalen Geldwäsche kräftig mit. Der Bezahldienst nahm als Kommission ein Prozent des Überweisungsbetrags und erhob zusätzlich eine "Privatsphären-Gebühr" von 75 US-Cent pro Zahlung. Dafür wurde die Kontonummer des Überweisenden bei Liberty Reserve unkenntlich gemacht.

Digitales Bargeld, anonyme Nutzer

Doch wie funktionierte die Geldwäsche über das Bezahlsystem von Liberty Reserve? Kunden des Unternehmens konnten sich ohne hinreichende Identifizierung bei dem Dienst anmelden. Ein Fantasiename und eine E-Mail-Adresse reichten. "Wenn man ein Konto eröffnet, muss man seinen Ausweis vorlegen. Auch bei seriösen Bezahldiensten wie Paypal findet eine Identifizierung statt. Fehlt diese, öffnet das natürlich Tür und Tor für Geldwäsche", sagt Ulrich Leuchtmann, Währungsexperte der Commerzbank.

Als "digitales Bargeld" bezeichnen die US-Ermittlungsbehörden die Online-Währung der Liberty Reserve, die sich besonders gut zur Geldwäsche eigne. Falsche Identitäten nutzten offenbar die meisten Kunden. An der Tagesordnung waren Namen wie "Russia Hackers" oder "Hacker Account". Laut Anklage der US-Behörden wurde der Dienst genutzt, um zum Beispiel Einkünfte aus Drogenhandel, illegalem Glücksspiel oder Betrugsdelikten zu waschen - aber auch, um kriminelle Geschäfte abzuwickeln, etwa wenn man einen Hacker für erbeutete Kreditkarten-Informationen bezahlen wollte.

Fragwürdige Wechseldienste

Für die illegalen Geschäfte wurden Überweisungen in der eigenen Währung "LR" vorgenommen und verschickt. Man konnte die Liberty-Reserve-Währung bei mehreren Wechseldiensten im Internet kaufen und wieder in offizielle Währungen umtauschen. Normalerweise müssten diese Dienste ungeklärte Geldströme erkennen und melden.

Firmensitz der Liberty Reserve in Costa Rica.
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Liberty Reserve: Firmensitz in Costa Rica - Wechseldienste in Nigeria und Vietnam

Doch die empfohlenen Wechseldienste mit Namen wie Swiftexchanger oder AsianaGold gehörten nach Erkenntnissen der US-Ermittler zum System von Liberty Reserve. Sie waren in Ländern mit mangelnder Finanzaufsicht wie etwa Nigeria oder Vietnam angesiedelt. "So kann jeder Kunde illegales Geld in das System einzahlen und es an jemanden überweisen, der nichts mit diesen illegalen Geschäften zu tun hat. Damit ist das Geld gewaschen und kann weiter verwendet werden", sagt Leuchtmann.

Banken sind außen vor

Was Online-Bezahldienste aber für Betrügereien anfällig mache, sei, dass Transaktionen erfolgen, ohne dass Banken im Spiel sind. Den Behörden fehle dadurch die Kontrolle über den Geldverkehr im Internet. An Kontrolle durch die Behörden mangele es beim Online-Transfer von Geld bisher ohnehin noch, da die Entwicklung noch neu ist. "Den Fall Liberty Reserve werden die Behörden aber mit Sicherheit dazu nutzen, strengere Kontrollen zu etablieren", sagt Leuchtmann. Es werde aber ein Rennen zwischen Aufsichtsbehörden und Geldwäschern bleiben.

Bereits im Oktober 2012 warnte die Europäische Zentralbank in einer Studie vor den Risiken von Internet-Geldtransfer und digitalen Währungen. Im Fokus der Studie stand allerdings die digitale Währung Bitcoins. Diese wird in einem komplizierten und rechenaufwendigen Prozess erstellt - eine Betreiberfirma wie Liberty Reserve gibt es aber nicht. Die Behörden haben ihren Blick deshalb auf die Tauschbörsen gerichtet, die mit der Währung handeln. Hier befürchtet man, dass Sicherheitslücken bei der Identifizierung der Nutzer das System anfällig für Geldwäsche machen könnte.

Auch für Frank Rieger, Pressesprecher des Chaos Computer Clubs, sind nicht die digitalen Währungen das Problem, sondern die Schnittstellen, an denen diese wieder in echtes Geld umgewandelt werden. Trotz des Skandals um Liberty Reserve werden sich Online-Bezahlsysteme und digitale Währungen durchsetzen, so Rieger: "Gerade bei kleinen Beträgen sind immer weniger Menschen bereit, die hohen Transaktionsgebühren von Banken und Kreditkartengebühren zu zahlen und dabei auch noch jedes Mal ihre Daten preiszugeben". Illegalen Auswüchsen wie bei der Reserve könne man dadurch vorbeugen, dass man mögliche Transaktionen auf 100 Euro beschränke.

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