Hochspannungsleitungen und Windräder sind vor der untergehenden Sonne zu sehen | dpa
Analyse

Steigende Energiekosten Wo es auf Europas Strommarkt hakt

Stand: 29.08.2022 19:19 Uhr

Vor fast 20 Jahren hat die EU den Markt für Strom weitgehend liberalisiert, auch mit dem Ziel, die Preise für Verbraucher zu senken. Doch in Zeiten extremer Verknappung funktioniert das System so nicht mehr.

Eine Analyse von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Es war einmal ein großes Versprechen, das die Europäische Union Anfang dieses Jahrtausends ihren Bürgerinnen und Bürgern machte - zumindest klang es nach einem solchen: Der Markt für elektrische Energie wird liberalisiert. Alle würden dann nämlich vom dadurch sinkenden Preis profitieren. Strom aus der Steckdose also immer billiger - ein verlockender Gedanke. Doch das ist lange her.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Jean Gaubert ist in Frankreich so etwas wie ein Ansprechpartner für alle, die unter den seit Monaten rasant steigenden Energiepreisen leiden. Er nennt sich Bürgerbeauftragter für Energie. Und er hat für das, was damals auf den Weg gebracht wurde, vor allem eine Erklärung: den damals großen Einfluss der britischen Regierung auf die EU. "Damals war Großbritannien das Vorbild. Es hieß: Die Briten haben ja schon liberalisiert, also sind die Preise gesunken."

Ausbau der Erneuerbaren sollte gestärkt werden

Es war die Zeit, als Liberalisierung schick war in Europa. Mit einer extremen Verknappung des gesamten Energieangebots durch einen Krieg rechnete damals niemand. Im Gegenteil: Eigentlich sollten die Liberalisierung und die Tatsache, dass elektrischer Strom international an der Börse gehandelt wird, auch den Einstieg in den umfangreichen Ausbau der Erneuerbaren in Schwung bringen.

Und seit 2003 gibt es ihn: einen weitgehend freien europaweiten Markt für elektrische Energie, der von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, der aber dennoch bestimmten Regeln folgt. Eine entscheidende Regel: Die Stromversorgungsunternehmen müssen ihren Strom an der Börse als erstes bei Produzenten von Wind- und Solarstrom einkaufen, dann bei Betreibern von Atomkraftwerken und schließlich bei solchen von Kohle- und Gaskraftwerken.

Das bedeutet: Wenn Strom besonders knapp ist - wie im Moment - dann ist es vor allem diese fossile Stromproduktion, die zusätzlich nachgefragt wird. Denn Wind- und Sonnenstrom sind ja bereits verkauft und Kernenergie ebenfalls. Auf diese Weise entsteht der Strompreis an der Börse durch Kohle - und am Ende durch Gaskraftwerke. Und Kohle und vor allem Gas sind seit dem Ukraine-Krieg knapp und extrem teuer - deshalb ist es der daraus hergestellte Strom auch.

Lage in Frankreich trägt zu höheren Preisen bei

Wenn es viel mehr grüne Energie gäbe, bräuchte man kaum Strom aus Gas, was den Preis senken würde - genau so wäre es auch, wenn die Nachfrage nach elektrischer Energie sinken würde. Doch das Gegenteil ist derzeit der Fall. Das liegt auch an der Situation in Frankreich.

Tobias Federico vom Energieberatungsunternehmen Energy-Brainpool sagt: "In Frankreich haben wir zwei Themen. Das eine Thema ist, dass Frankreich den größten Teil seines Stroms aus Kernkraft erzeugt - und die Kernkraftwerke haben derzeit technische Probleme, da ist nur die Hälfte der installierten Leistung am Netz." Das treibe die Preise hoch. "Und die Franzosen müssen ja irgendwo Ersatz einkaufen - und das tun sie im Moment auch in Deutschland", so Federico weiter.

Verzicht auf Stromexporte wäre schwierig

In Deutschland gibt es aus der Politik derzeit die populäre Forderung, Stromexporte einzustellen. Doch mit dem europäischen Strommarkt wäre das kaum zu vereinbaren. Man müsste ihn reformieren. Bisher wollte das auch die Bundesregierung nicht. Mit dem Argument, dass der Wettbewerb letztlich für ein gutes Angebot und niedrige Preise sorge.

Die Regierungen von Frankreich und Spanien dagegen drängen schon lange auf eine grundlegende Reform - am besten mit einem europaweiten Preisdeckel, den es bisher nur in ihren eigenen Ländern gibt. Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sagt: "Wir schlagen einen automatischen Preisstabilisator vor. Der in dem Moment wirksam wird, in dem die Preise über ein bestimmtes Niveau steigen - sodass verhindert wird, dass ein Preisanstieg für die Stromerzeuger quasi direkt weitergegeben wird an die Netzbetreiber und schließlich an die Privatkunden und Unternehmen." Es wäre eine grundlegende Reform des Strommarktes, bei dem am Ende möglicherweise die EU die Kosten der gedeckelten Preise tragen würde.

Bisher allerdings erscheint das unter den 27 Mitgliedsstaaten nicht mehrheitsfähig. Doch der Wind könnte sich drehen. Klar scheint nur zu sein: So wie bisher geht es offenbar auch nicht weiter.