Kaputte Ofo-Leihfahrräder liegen am Straßenrand | Bildquelle: REUTERS

Leihräder in China Massenhaft schrottreife Drahtesel

Stand: 25.12.2018 11:50 Uhr

Die Leihradblase - in China droht sie zu platzen. Schrottreife Drahtesel gehören zum Straßenbild. Die Kunden sind sauer und wollen ihr Geld zurück.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Chinesische Großstädte sind einst mit Millionen Leihfahrrädern regelrecht zugeschüttet worden. Nun droht dort die Leihradblase zu platzen. Die Kunden sind frustriert. Mehrere Männer diskutieren aufgebracht darüber, wie sie denn nun ihr Pfand zurückbekommen.

Sie stehen in einer langen Schlange vor dem Hauptquartier des Leihfahrrad-Anbieters "Ofo" im Nordwesten Pekings und fuchteln mit ihren Smartphones herum. Die Polizei ist vor Ort und hat Absperrgitter aufgestellt, um den Andrang zu regulieren.

Leihfahrräder der Firma ''Ofo'' | Bildquelle: REUTERS
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Ganz viel Schrott: Leihräder in Zhengzhou.

"Man muss warten!"

Seit Tagen versammeln sich hier Hunderte Menschen ab dem frühen Morgen. Sie haben gehört, dass sie ihr Pfand hier schnell zurückbekommen bekommen: pro Nutzer umgerechnet bis zu 25 Euro. Doch dem ist nicht so, sagt eine junge Angestellte: "Sie lassen uns einfach in einer langen Schlange hier draußen in der Kälte stehen. Und man bekommt das Geld auch nicht gleich, man muss warten!"

Zahlreiche Anbieter haben in den vergangenen Jahren chinesische Großstädte mit Dutzenden Millionen Rädern geflutet. Allein rund zehn Millionen davon sind gelb-schwarze "Ofo"-Räder. Die Idee dahinter: einfach mit dem Smartphone ein verfügbares Fahrrad mieten und abstellen, wo man will.

Finanziert wurden die Räder hauptsächlich durch Kredite. Mehrere kleinere Anbieter sind bereits Pleite gegangen. Nun hat auch "Ofo" Medienberichten zufolge finanzielle Probleme und soll Rechnungen nicht bezahlen können.

"Das ist niemals kostendeckend!"

Ye Tan ist Unternehmensberaterin in Shanghai. Sie glaubt, dass der Leihrad-Boom am Ende ist. "Das Geschäftsmodell dieser Firmen war nie ganz klar. Jedes Mal, wenn Kunden ein Fahrrad ausleihen, zahlen sie einen Yuan, umgerechnet etwa zwölf Cent. Das ist niemals kostendeckend. Die Firmen hängen also von Investoren ab, die ihnen Kredite geben. Sobald dieses Geld ausbleibt, droht die Pleite."

Der Verdacht liegt nahe, dass es den Anbietern hauptsächlich darum ging, Kundendaten zu sammeln. Doch auch das geht offenbar nicht auf.

Auf Deponien am Stadtrand türmen sich Berge zigtausender kaputter Fahrräder. Und die, die teilweise verrostet noch auf den Gehwegen stehen und Radwege und Einfahrten blockieren, sind auch oft Schrott. Die Pedale sind abgebrochen oder die Kette gerissen.

Kaputte Ofo-Leihfahrräder liegen am Straßenrand | Bildquelle: REUTERS
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Drahtesel-Schrott am Straßenrand.

"Mobike" betreibt auch Räder in Berlin

Die Anbieter sind verantwortlich dafür, die kaputten Räder zu entsorgen, kommen aber kaum noch hinterher. Und wenn eine Firma pleite geht, müssen sich die Stadtverwaltungen darum kümmern. Der einzige Anbieter in China, der sich noch einigermaßen zu kümmern scheint - und auch noch neue Räder auf die Straße stellt - ist das Unternehmen "Mobike", das auch Fahrräder in Berlin betreibt.

Die "Ofo"-Kunden wiederum wissen nicht, wann und ob sie überhaupt ihr Pfand überhaupt zurückbekommen. Mit ihnen warten laut der App des Fahrradverleihers gerade mehr als zehn Millionen Nutzer darauf, ihre 25 Euro zurückzubekommen.

Die junge Angestellte, die bis ins Hauptquartier kam und dann doch nicht erfolgreich war, ist einfach nur enttäuscht. "Die Fahrräder, die es noch gibt, sind kaputt. Und es sind kaum noch welche übrig. Ich will "Ofo" nicht mehr benutzen. Ich vertraue dem Unternehmen nicht mehr - ich will nur mein Pfand zurück. Es geht mir gar nicht ums Geld, es geht mir ums Prinzip!"

Räder schrottreif, Kunden frustriert: Chinas Leihrad-Boom am Ende
Benjamin Eyssel, ARD Peking
25.12.2018 11:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 "Politikum - Das Meinungsmagazin" am 20. Dezember 2018 um 17:45 Uhr.

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