Kuba: Ein Mann fährt mit dem Fahrrad an der Mauer des Colon-Friedhofes von Havanna entlang. | Bildquelle: dpa

Erfinderisch in der Krise Beatmungsgeräte "made in Cuba"

Stand: 18.10.2020 08:35 Uhr

"Not macht erfinderisch", heißt es: Kubanische Wissenschaftler konstruieren in der Corona-Pandemie eigene Beatmungsgeräte, weil die US-Sanktionen Einfuhren ausländischer Apparate verhindern.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Kuba rühmt sich seines vorbildliches Gesundheitssystems, seiner Ärzte, die es in die ganze Welt verschickt.  Das Land hat schnell auf die Pandemie reagiert und einen strengen Lockdown verordnet.

Die Fallzahlen sind niedrig geblieben, das Land öffnet sich vorsichtig wieder, auch für den Tourismus. Besucher müssen bei der Einreise eine eidesstattliche Erklärung zum Gesundheitszustand ausfüllen und einen PCR-Test machen.

Das Land will auch für eine zweite Infektionswelle gewappnet sein. Bei diesen Bemühungen kommt der sozialistischen Karibikinsel die US-Blockade in die Quere, doch die fördert Kreativität bei der Entwicklung von medizinischen Geräten.

Kein Mangel an Know How

Monatelang gingen kubanische Medizinstudenten von Haus zu Haus, um nach Risikopatienten zu sehen und Infizierten zu suchen. An Know How mangelt es auf der sozialistischen Karibikinsel nicht; aber zu Beginn der Pandemie bestand die Sorge, dass die medizinischen Geräte nicht ausreichen.

Schnell wurde ein Team zusammengestellt, das für funktionierende Notfallbeatmungsgerät sorgen sollte. Dazu gehörte auch Ernesto Velarde Reyes vom Zentrum für Neurowissenschaften in Havanna. 

Zunächst haben er und seine Kollegen alte Beatmungsgeräte gewartet. Doch für die Reparatur fehlten wichtige Komponenten, die nur im Ausland zu bekommen sind - für Kuba eine große Hürde, erklärt Velarde Reyes:

"Die US-Sanktion haben uns vor allem auch während der Coronakrise hier auf Kuba sehr geschadet. Die Herstellerfirma unserer Beatmungsgeräte wurde von einem amerikanischen Unternehmen übernommen. Und ab diesem Moment haben sie keine Ersatzteile für die Beatmungsgeräte mehr geliefert."

Open Source vom MIT als Anleitung

Das Team stand also vor der Herausforderung, eigene Geräte zu entwickeln. Improvisationstalent war im Land des Mangels einmal mehr gefragt.

Eine fachkompetente Anleitung bekamen die Entwickler ausgerechnet aus den USA: Auf den Internetseiten des Massachusetts Institute of Technology fanden sie die Informationen für die mechanische Entwicklung. Grundlage waren Open-Source-Codes, die die Forscher vom MIT der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hatten.

Die Entwickler haben mit den verschiedensten Institutionen auf der sozialistischen Karibikinsel zusammengearbeitet, bis hin zum Verband der Militärindustrie, erzählt der Neurowissenschaftler Velarde Reyes: "Es war natürlich eine große Herausforderung, das Beatmungsgerät hier zu entwickeln. Wir brauchten einen leistungsfähigen Motor."

Spendensammlung per WhatsApp

Nach so einem Motor hätten sie dann in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel WhatsApp-Gruppen gesucht - und seien tatsächlich fündig geworden: "200 Dollar hat er gekostet, das ist für einen Kubaner ganz schon viel Geld. Ein Unternehmer, den ich persönlich gar nicht kannte, hat ihn sogar einfach so zur Verfügung gestellt. Wir haben alles gemacht, damit jeder Kubaner ein Beatmungsgerät bekommt, wenn es notwendig wird."

Aber Komponenten wie Bildschirme und Prozessoren mussten am Ende doch importiert werden. Unterstützung bekamen die Neurowissenschaftler von Medicuba-Suisse, einer Nichtregierungsorganisation aus der Schweiz.

Auch die NGO müsse die US-Sanktionen umschiffen, sagt deren Sprecher Manuel Vanegas Ayala: "Für uns ist es sehr schwierig einen Finanztransfer zu veranlassen. Für jeden Geldtransfer, den wir machen, müssen wir immer ein Labyrinth finden, damit Kuba das Geld auch direkt bekommt."

Mit Hilfe der schweizer NGO konnte ein kostengünstiges Notbeatmungsgerät entwickelt werden, das über viele Funktionen eines hochpreisigen Gerätes verfügt. Ein herkömmliches Beatmungsgerät ist teuer, es kostet zwischen 10.000 und 30.000 Euro.

Nachahmung schwierig

Doch das kubanische Entwicklungsmodell sei am Ende nur bedingt übertragbar, erklärt Vanegas Ayala: "Man darf nicht vergessen: Für Kuba ist es so einfach, weil es über eine lange Forschungstradition verfügt."

Für andere Länder sei so etwas nicht so einfach umzusetzen: "Länder aus Mittelamerika und der Karibik, die Dominikanische Republik oder Haiti - ich sehe nicht, dass diese Länder die Voraussetzungen dafür haben, die Infrastruktur, das technische Know How, um so etwas auf hohem Niveau zu entwickeln."

Zunächst wurden die Geräte an Tieren getestet, derzeit an Menschen. Ende Oktober soll das Beatmungsgerät in die Serienproduktion gehen, um Kuba für die nächste Infektionswelle zu wappnen.

US-Sanktionen machen erfinderisch - Kuba produziert eigenes Beatmungsgerät
Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt
16.10.2020 15:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Oktober 2020 um 07:53 Uhr.

Korrespondentin

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Anne Demmer, rbb

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