Interview

Nobelpreisträger Krugman zur Krise Star-Ökonom drängt Merkel zu Abkehr vom Sparkurs

Stand: 01.08.2012 16:22 Uhr

Verständnis für Merkels Dilemma

tagesschau.de: In Deutschland haben wir diesen einen entscheidenden Tag, den 12. September. Dann entscheidet das Verfassungsgericht über den ESM. Sind Sie damit vertraut? Und welchen Schritt sollte Frau Merkel jetzt tun?

Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel
galerie

Zwischen allen Stühlen? Angela Merkel

Krugman: Ich habe große Sympathien für ihre Position. Ich glaube nicht, dass sie für die Krise verantwortlich ist. Merkel ist gefangen zwischen der erbarmungslosen Logik der Krise und der deutschen Politik. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder stimmt sie den Maßnahmen zu, die notwendig sind, um den Euro zu retten. Dann ist sie erledigt. Oder der Euro bricht zusammen - dann ist sie auch erledigt. Ich hoffe aber, dass sie einen Weg findet, um vor allem Draghi grünes Licht zu geben. Ich möchte aber auch nicht in der Haut des Bundesverfassungsgerichts stecken.  Auch von den Richtern könnte es am Ende heißen, dass sie den Euro abgeschafft haben - und dafür will keiner die Schuld tragen müssen.

tagesschau.de: Sie haben Merkel scharf kritisiert, weil sie in der Krise einen Sparkurs eingeschlagen hat. Was wäre die Alternative?

Krugman: In Deutschland wird mehr über Sparmaßnahmen geredet, als in Wirklichkeit getan wird. Die Haushaltskürzungen in Deutschland sind relativ gering. Es ist mehr Rhetorik als Politik. Gemessen daran haben die USA sogar mehr Ausgaben gestrichen als Deutschland. Wir haben sehr viele öffentliche Angestellte entlassen, was Deutschland nicht gemacht hat. Aber dass die Deutschen überhaupt versuchen, zu einem Zeitpunkt, wo sich Europa in einer solchen Notlage befindet, ihr strukturelles Haushaltsdefizit zu verringern, ist eine der Hauptursachen für die Misere der europäischen Wirtschaft.

Der gesamte Rand leidet

tagesschau.de: Welche Länder leiden unter den deutschen Sparprogrammen und was sind die Konsequenzen daraus?

Kundgebung gegen Sparmaßnahmen der spanischen Regierung in Barcelona
galerie

Nicht nur in Spanien, sondern europaweit demonstrieren Menschen gegen die Sparmaßnahmen im Zuge der Finanzkrise.

Krugman: Das zentrale Problem ist: Die Blase ist geplatzt, aber es gibt nicht die entsprechende Finanzpolitik, um das auszugleichen. All die Staaten an den Außengrenzen Europas - Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, und zu einem gewissen Teil auch Irland und die baltischen Staaten - brauchen jemanden zum Exportieren. Sie brauchen eine stärkere Wirtschaft im Kern Europas. Da Deutschland aber vorsichtig und sparsam ist, macht man es ihnen unmöglich, sich selbst aus der Krise herauszuziehen.

tagesschau.de: Europa braucht also mehr Konjunkturprogramme?

Krugman: Denken sie doch an den Zustand Spaniens. Das Land ist der Kern des Problems. Spanien hat einen wirtschaftlichen Boom erlebt, der auf einer schnell wachsenden Immobilienblase basierte. Sie ist geplatzt, jetzt gibt es eine Massenarbeitslosigkeit. Woher sollen nun Arbeitsplätze kommen? Dazu ist ein Wandel erforderlich. Sie müssen ihre Handelsdefizite abbauen und sie müssen im Fertigungsbereich wachsen. Das geht nur über Exporte, weil die Inlandsnachfrage schwach ist. Aber woher sollen denn diese Exporte kommen - ohne eine sehr starke Wirtschaft in den umliegenden Ländern?

Container in Bremerhaven
galerie

Deutschland lebt vom Export - das verlangt eine stete Nachfrage aus dem Ausland.

In gewisser Weise ist es amüsant, weil Deutschland so in seine heute einigermaßen gute Position gekommen ist. In den späten 90er-Jahren steckte Deutschland in einer Flaute. Dann entstand der Euro und es kam in den südlichen Ländern Europas zu einem großartigen Wachstum, was den deutschen Exporten half. So konnte Deutschland sich erholen. Obwohl das ohne den Boom in Südeuropa nicht möglich gewesen wäre, denkt Deutschland, es habe den Umschwung alleine geschafft. Nun müsste es umgekehrt laufen. Wir brauchen einen Boom in Nordeuropa, damit Südeuropa sich durch Exporte aus der Krise heraus stemmen kann. Deswegen ist der von Deutschland auferlegte Sparkurs ein großes Problem für Europa. Aber auch die EZB muss akzeptieren, dass sie eine wichtige Rolle spielt, wenn es darum geht, die europäische Wirtschaft zu einem Konjunkturaufschwung anzutreiben, der zumindest leicht inflationär ist.

Nicht nur die Märkte verantwortlich machen

tagesschau.de: Wie können die Politiker die Märkte zähmen?

Krugman: Ich habe diesbezüglich gemischte Ansichten. Die Bankgeschäfte müssen stärker reguliert werden. Die Idee einer Transaktionssteuer, mit der die heißen Gelder abgekühlt werden sollen, halte ich für nicht schlecht. Aber es wäre falsch, die momentanen Probleme Europas auf die verrückt spielenden Märkte zurückzuführen. Wenn die Märkte sich weigern, Griechenland Geld zu leihen, hat das einen guten Grund. Die Märkte haben schon lange vor den Politikern eingesehen, wie es um Griechenlands Erfolgschancen steht. Selbst im Fall von Spanien ist es nicht unangemessen, eine Risikoprämie zu verlangen, weil die Staatsanleihen möglicherweise einem "Schuldenschnitt" unterzogen werden könnten. Die europäischen Politiker neigen dazu zu sagen, dass die Märkte falsch liegen und dass ihre Politik auf dem richtigen Weg sei und funktionieren werde. Ich denke aber, dass es sehr einfach zu belegen ist, dass die Märkte in diesem Fall richtig liegen.

tagesschau.de: Warum scheuen europäischen Politiker die Auseinandersetzung mit der Finanzbranche?

Ex-Deutsche-Bank-Chef Ackermann (m.) und seine Nachfolger Jain (l.) und Fitschen (r.)
galerie

Wohlgekleidet, clever und beeindruckend: Banker Jain (l.), Ackermann (m.) und Fitschen (r.)

Krugman: Ich glaube, europäische Politiker sind von der Finanzbranche nicht so beeinflusst wie amerikanische.  Aber sie waren in keinerlei Hinsicht konsequent. Wieso sollten wir dann erwarten, dass sie in Bezug auf die Finanzindustrie konsequent sind? Ich habe an Treffen mit vielen Bankern von der Wall Street und aus London teilgenommen. Sie können sehr überzeugend und beeindruckend sein. Und selbst wenn man weiß, dass sie die Weltwirtschaft auf den Kopf gestellt haben, ist es sehr schwer, sich nicht von diesen cleveren, wohlgekleideten und reichen Menschen beeinflussen zu lassen.

Das Gespräch führte Anja Bröker, ARD-Studio New York

Darstellung: