Dunkle Regenwolken über den Hafenanlagen in Hamburg | dpa

Lieferengpässe bremsen Erst Talsohle, dann Erholung?

Stand: 09.11.2021 12:45 Uhr

Eine deutliche konjunkturelle Besserung ist in Sicht, das meinen zumindest Finanzexperten. Allerdings dürfte das Wachstum der deutschen Wirtschaft zunächst noch stottern - wegen der Lieferengpässe.

Deutschland könnte vor einer grundlegenden wirtschaftlichen Erholung stehen. Darauf deuten zumindest die aktuellen ZEW-Konjunkturerwartungen für den Monat November hin. Für einige Monate bleibt die Konjunktur in Deutschland aber noch belastet.

Die Lage ist schlecht, aber ein Silberstreif am Horizont ist zu sehen - zumindest können ihn die Finanzprofis erahnen, die das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) monatlich befragt. Das Barometer für die Einschätzung der Finanzexperten mit Blick auf die nächsten sechs Monate stieg nach fünf Rückgängen in Folge um 9,4 auf 31,7 Punkte, wie das ZEW mitteilte. Der Wert für die Konjunkturerwartungen überrascht mit seiner Kehrtwende auch Experten: Von Reuters befragte Volkswirte hatten mit einem weiteren Rückgang auf 20 Zähler gerechnet. Es ist zudem der erste Anstieg seit Mai.

Sachverständigenrat vor Prognosesenkung

Allerdings rechnen viele Ökonomen damit, dass das Wachstum im laufenden Schlussquartal wegen der Lieferengpässe weiter deutlich nachlässt. Die "Wirtschaftsweisen", der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), blicken laut Medienberichten wegen der Lieferprobleme skeptischer auf die Konjunktur in Deutschland. Die vier Ökonominnen und Ökonomen haben laut den Berichten ihre Wachstumsprognose für 2021 auf 2,7 Prozent gesenkt, wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider meldet. Auch das das "Handelsblatt" hatte über eine Prognosesenkung berichtet. Der SVR überreicht sein Jahresgutachten morgen der Regierung. Der Sachverständigenrat war noch im März von einem Wachstum 3,1 Prozent in diesem Jahr ausgegangen.

Aktuelle Exportdaten stützen das Bild eines schwierigen vierten Quartals. Anhaltende Materialengpässe, gestörte Lieferketten und die geringere Nachfrage aus China bremsten die deutschen Ausfuhren im September. Der Rückgang betrug 0,7 Prozent zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einer Stagnation gerechnet. Im August hatte es bereits einen Rückgang von 0,8 Prozent gegeben - den ersten nach zuvor 15 monatlichen Anstiegen hintereinander. "Es wird ein trüber Herbst für die exportorientierte deutsche Wirtschaft", prognostizierte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier.

Tieferes Tal, schnellerer Aufschwung?

Die derzeit noch schlechte Lage spiegelt sich auch bei der ZEW-Umfrage wider. Der Teilindikator für die Lagebewertung sackte auf 12,5 Punkte nach unten, deutlicher als erwartet. "Die Expertinnen und Experten gehen für das aktuelle Quartal davon aus, dass die Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten sowie die hohe Inflationsrate die konjunkturelle Entwicklung belasten werden", sagte ZEW-Präsident Achim Wambach. "Für das erste Quartal 2022 gehen sie von einer Wachstumserholung und einem Rückgang der Inflationsrate in Deutschland und im Euro-Gebiet aus."

Nach der Talsohle könnte aber der Aufschwung auch deutlicher ausfallen. Der Sachverständigenrat hat seine Prognose laut den Medienberichten für das Jahr 2022 entsprechend angehoben. Er traut danach der deutschen Wirtschaft im nächsten Jahr mit 4,6 Prozent ein stärkeres Wachstum zu als bisher. Die alte Prognose liegt bei 4,0 Prozent.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. November 2021 um 12:00 Uhr.