Schild zeigt die Öffnung eines Geschäftes nach dem Lockdown an | dpa
Hintergrund

Corona-Folgen für Betriebe Wie lange muss der Staat noch helfen?

Stand: 17.06.2021 10:18 Uhr

Heute beraten die Wirtschaftsminister von Bund und Ländern, wie es mit Corona-Hilfen für Firmen weitergeht. Warnungen vor einer dauerhaften Staatswirtschaft werden lauter. Doch einige Branchen stecken noch tief in der Krise.

Von Axel John, SWR

Tim Sandrock geht durch die 3500 Quadratmeter große Halle seines Eventunternehmens. Er zeigt auf riesige Lautsprecher, Lichtanlagen oder Beamer, die bis unter die Decke gestapelt sind. "Das wäre jetzt Mitte Juni normalerweise alles draußen im Einsatz, bei Theaterveranstaltungen, Dorffesten oder Musikkonzerten", sagt Sandrock. "Man könnte das Lager komplett durchfegen. Die Technik haben wir seit mindestens 15 Monaten aber gar nicht mehr bewegt."

Axel John

Er ist einer der beiden Geschäftsführer von Flo-Service GmbH in Mainz. Der Betrieb hat 25 Angestellte und sechs Azubis. Die Firma organisiert bis zu 1500 Veranstaltungen pro Jahr mit Schwerpunkt Rhein-Main-Gebiet. "Von der Discokugel für die Teenager-Party bis zur Bühnentechnik für ein Konzert von Sting decken wir alles ab", erzählt Sandrock. Obwohl die Wirtschaft landesweit wieder durchstartet, hat Flo-Service wegen der Pandemie-Auflagen bei Großveranstaltungen weiter wenig Aufträge. Zuletzt wurde unter anderem das Oktoberfest abgesagt. Für die Branche hat das eine verheerende Signalwirkung.

Hoffen auf weitere Hilfen

"Wir sind breit aufgestellt und konnten so die Verluste begrenzen. Die Bundesanstalt für Arbeit hat uns über die Kurzarbeit mit rund 31.000 Euro pro Monat sehr geholfen. Auch die Überbrückungshilfen waren im vergangenen Jahr enorm wichtig für uns", sagt Sandrock. "Unser Unternehmen hat aber jeden Monat Fixkosten von 150.000 Euro."

Lagerhalle der Flo-Service GmbH in Mainz mit Geschäftsführer Tim Sandrock | Axel John, SWR

"Ich hoffe sehr auf weitere staatliche Hilfen" - Flo-Service-Geschäftsführer Tim Sandrock. Bild: Axel John, SWR

Flo-Service zehre vor allem von seinen Betriebsrücklagen vor Corona. Außerdem habe es einen harten Sparkurs gegeben. Insgesamt sei der Umsatz um ein gutes Drittel zurückgegangen. Damit steht Sandrock in der Branche noch glänzend da. Andere Firmen machen ein Minus von 90 Prozent oder sind gar nicht mehr da.

"Auf Dauer kann man eine Firma wie unsere so natürlich nicht finanzieren. Ich hoffe deshalb sehr auf weitere staatliche Hilfen", sagt er. Kulturveranstaltungen hätten eine Vorplanung von drei bis neun Monaten. In der unsicheren Corona-Zeit ist das eine halbe Ewigkeit. "Ich bin optimistisch, dass das Schlimmste hinter uns liegt. Wir brauchen aber für eine Übergangszeit noch Unterstützung. Ansonsten wären alle vorangegangenen Zahlungen sinnlos", so Sandrock.

Wirtschaftsminister beraten über weitere Hilfen

Die Wirtschaftsminister von Bund und Ländern kommen heute in Düsseldorf zusammen - erstmals wieder in Präsenz. Eine Frage dabei lautet: Wie geht es mit der Unterstützung für die Wirtschaft weiter? Die Überbrückungshilfe sowie das Kurzarbeitergeld waren erst vor kurzem bis Ende September verlängert und sogar ausgebaut worden. Nun geht es um eine abermalige Verlängerung bis Jahresende.

Der Gastgeber des Treffens, der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart von der FDP, legt sich schon fest: "Ich bin dafür, dass die Hilfen über Ende September hinaus bis zum Jahresende verlängert werden", sagt er. "Sparten wie etwa die Messe- und Veranstaltungswirtschaft oder die Schausteller werden auch im Herbst noch unter Umsatzeinbußen leiden. Das sieht auch das Bundeswirtschaftsministerium so. Auch bei der Bundesregierung möchte ich mich für diesen Kurs einsetzen."

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart lächelt in die Kamera | dpa

NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart setzt sich für eine weitere Verlängerung der Corona-Hilfen ein. Bild: dpa

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister verweist hierbei auch auf gesetzliche Zwänge. "Wir mussten zur Bekämpfung der Pandemie leider die Gewerbefreiheit einschränken. Deshalb sind die Überbrückungshilfen auch keine Subventionen, sondern Entschädigungen. Teile der Wirtschaft kehren erst jetzt schrittweise zur Normalität zurück", sagt Pinkwart. Jetzt gehe es darum, für die betroffenen Firmen Übergänge zu schaffen.

Anteil der Betriebe in Existenznot sinkt

Immer mehr Firmen scheinen diesen Übergang auch hinzubekommen. Nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sahen sich um Mai nur noch acht Prozent aller Betriebe in ihrer Existenz bedroht. Im April lag dieser Wert noch bei 13 Prozent. "Die Inzidenzwerte entspannen sich vielerorts, parallel dazu blicken auch die privatwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland wieder optimistischer in die Zukunft“, sagt IAB-Direktor Bernd Fitzenberger.

Bislang hat das Bundeswirtschaftsministerium in der Krise insgesamt mehr als 105 Milliarden Euro für die Wirtschaft bewilligt. Hinzu kommt das Kurzarbeitergeld im Umfang von rund 32,3 Milliarden Euro.

Kritik von Ökonomen

Immer mehr Wirtschaftswissenschaftler sehen die anhaltenden Hilfen der Politik aber kritisch. Einer von ihnen ist Lars Feld. Der 54 Jahre alte Ökonom gilt als ausgewiesener Ordnungspolitiker, also orientiert an den Prinzipien von Markt und Wettbewerb. "Die Verlängerung bis Ende September ist in Ordnung. Aber von einer nochmaligen Verlängerung halte ich nichts", sagt er. "Der Aufschwung ist in vollem Gange. Wir werden laut Bundesbank in Deutschland in diesem Jahr ein Wachstum von 3,7 Prozent haben. Im nächsten Jahr sollen es fünf Prozent sein. Der Bedarf für eine weiter so starke expansive Fiskalpolitik wird also immer geringer."

Zudem gebe es immer Mitnahmeeffekte bei Firmen, die sich in einer schwierigen Situation befänden, ohne dass dies etwas mit Corona zu tun habe. Allerdings schränkt Feld seine Analyse mit Blick auf die Veranstaltungsbranche ein. "Wenn der Staat bestimmten Unternehmen in bestimmten Branchen die grundgesetzlich gewährte Gewerbefreiheit einschränkt, dann muss das kompensiert werden. Aber wir werden mit Corona längerfristig leben müssen. Daher halte ich es für fraglich, ob die Event-Branche genauso weiter machen kann wie vor der Pandemie."

Digitaler Strukturwandel auch im Eventbereich

Das weiß auch Tim Sandrock in Mainz. Um wirtschaftlich zu überleben, hat sich Flo-Service während des Lockdowns bereits digitalisiert. "Wir haben unsere analogen Angebote in den digitalen Raum gehoben. Statt ein Meeting mit Beamer, Leinwand oder Dolmetscherservice bieten wir jetzt auch komplette Softwarelösungen an", sagt Sandrock. Corona habe die Entwicklung massiv beschleunigt. "Es wird künftig einen wachsenden digitalen Anteil bei Veranstaltungen aller Art geben."

Um diesen Strukturwandel nicht zu erschweren, ist Sandrock auch für ein absehbares Auslaufen der Hilfen. Für die nächsten Monate brauche das Unternehmen aber nochmal staatliche Hilfen. Entscheidet sich die Politik für eine abermalige Verlängerung, will Sandrock einen Antrag stellen. "Ich bin mir aber sicher, dass die Branche sich nach Corona wieder schnell erholt. Ich setze auch auf einen Nachholeffekt. Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Deshalb kommen wir wieder."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. März 2021 um 12:00 Uhr.