Eine Schweißerin arbeitet am Rahmen eines Gabelstaplers. | dpa

Trotz Ukraine-Kriegs Deutsche Wirtschaft leicht gewachsen

Stand: 25.08.2022 11:04 Uhr

Trotz der Folgen des Ukraine-Kriegs hat die deutsche Wirtschaft im Frühjahr überraschend ein wenig zugelegt. Für die kommenden Monate erwarten Ökonomen und Führungskräfte der Firmen aber konjunkturell schwere Zeiten.

Deutschlands Wirtschaft ist im zweiten Quartal des Jahres 2022 überraschend etwas gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg gegenüber dem Vorquartal um 0,1 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) heute mit. Wegen der Folgen des Ukraine-Kriegs war die Wiesbadener Behörde in einer ersten Schnellschätzung noch von einer Stagnation der Wirtschaftsleistung ausgegangen.

"Trotz der schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen hat sich die deutsche Wirtschaft in den ersten beiden Quartalen 2022 behauptet", sagte Destatis-Präsident Georg Thiel. In den ersten drei Monaten des Jahres war die deutsche Wirtschaft um 0,8 Prozent gewachsen. Mit Blick auf das Quartal vor der Corona-Pandemie zeigt sich, dass die Wirtschaftsleistung erstmals wieder das Vorkrisenniveau erreicht hat. In den letzten drei Monaten des Jahres 2019 war das Wachstum gegenüber dem Vorquartal unverändert geblieben.

Konsum verhindert Einbruch der Konjunktur

Gestützt wurde die Wirtschaft den Statistikern zufolge im Frühjahr vor allem von den privaten und staatlichen Konsumausgaben. Der Wegfall nahezu sämtlicher Corona-Einschränkungen Ende März weckte bei vielen Menschen die Reiselust. Die Ausgaben für Dienstleistungen im Gastgewerbe und im Verkehr stiegen kräftig: "Ein noch kräftiger privater Konsum hat einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts verhindert", erläuterte der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts IMK, Sebastian Dullien.

Zudem nahm der Handel mit dem Ausland insgesamt zu. Obwohl im zweiten Quartal unter dem Eindruck des Kriegs in der Ukraine deutlich weniger Waren nach Russland exportiert wurden als zu Beginn des Jahres, meldeten die Unternehmen insgesamt stabile Exporte: Trotz der weltweit gestörten Lieferketten wurden 0,3 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als im ersten Quartal. Die Importe legten im Vorquartalsvergleich mit 1,6 Prozent aber stärker zu.

Chefökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank verweist darauf, dass Deutschland im Euro-Zonen-Vergleich mit dem Mini-Wachstum nur im hinteren Drittel landet. Stellenweise wurden deutlich kräftigere BIP-Zuwächse verbucht - etwa in Spanien (1,1 Prozent) und Italien (1,0 Prozent). Dennoch habe sich die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal besser geschlagen als es die reine Zahl vermuten lasse.

Geschäftsklima trübt sich weiter ein

Das könnte sich jedoch ändern. Angesichts der Energiekrise stehen der deutschen Wirtschaft nach Einschätzung vieler Experten harte Monate bevor. Die Bundesbank etwa erwartet, dass die Wirtschaftsleistung im Sommer "in etwa auf der Stelle treten" wird und es im Winterhalbjahr zu einer Rezession kommen könnte. Ein Grund: die hohen Preise. So geht die Notenbank davon aus, dass die Inflationsrate in Deutschland im Herbst "eine Größenordnung von zehn Prozent" erreichen könnte. Preissprünge bei Energie infolge des Ukraine-Kriegs und steigende Lebensmittelpreise heizen die Teuerung seit Monaten an.

Auch das ifo-Institut erwartet, dass der private Konsum wegen der Verbraucherpreise im weiteren Jahresverlauf als Konjunkturmotor ausfallen wird. Denn die höheren Lebenshaltungskosten kosten Kaufkraft. Das zeigt auch das nochmals eingetrübte Geschäftsklima. Der ifo-Index - Deutschlands wichtigster konjunktureller Frühindikator - fiel im August auf 88,5 Zähler von 88,7 Punkten im Vormonat, wie das Münchner Institut nach seiner aktuellen Umfrage unter rund 9000 Führungskräften mitteilte. Die Stimmung in den Chefetagen verschlechterte sich damit zum dritten Mal in Folge. Deutsche Topmanager sind so pessimistisch wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr.

"Die Unsicherheit unter den Unternehmen bleibt hoch", sagte ifo-Präsident Clemens Fuest. "Die Wirtschaftsleistung dürfte im dritten Quartal schrumpfen." Der Ökonom Marcel Fratzscher geht noch einen Schritt weiter. Der seit sechs Monaten andauernde russische Krieg gegen die Ukraine werde die deutsche Wirtschaft wohl noch über Jahre belasten, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) jüngst im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

Länder schreiben schwarze Zahlen

Die Kassenlage des deutschen Staates hat sich unterdessen trotz zusätzlicher Belastungen infolge des Ukraine-Krieges im ersten Halbjahr 2022 deutlich verbessert. Das Defizit ist laut Destatis stark gesunken. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung gaben bis Ende Juni zusammen 13 Milliarden Euro mehr aus als sie einnahmen.

Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung lag das Defizit des Fiskus den Angaben zufolge bei 0,7 Prozent. Ein Jahr zuvor war vor allem wegen der milliardenschweren Corona-Hilfen ein Minus von 4,3 Prozent verzeichnet worden - das entsprach einem Fehlbetrag von 75,6 Milliarden Euro.

Während der Bund ein Minus von 42,8 Milliarden Euro meldete, schrieben sowohl die Länder (+16,6 Milliarden Euro) als auch die Gemeinden (+5,7 Milliarden Euro) und die Sozialversicherungen (+7,4 Milliarden Euro) diesmal schwarze Zahlen. Die Steuereinnahmen legten im ersten Halbjahr um 11,6 Prozent zu und übertrafen damit deutlich das Niveau vor der Corona-Krise im ersten Halbjahr 2019.