Bauarbeiter auf einem Gerüst | dpa

Folgen des Ukraine-Kriegs Forscher erwarten Wachstums-Schock

Stand: 17.03.2022 11:04 Uhr

Wegen des Ukraine-Kriegs trauen die Ökonomen vom IfW Deutschland im laufenden Jahr nur noch ein Wachstum von 2,1 Prozent zu. Auch die globale Wirtschaft dürfte laut OECD weniger stark wachsen.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat seine ohnehin schon gedämpfte Wachstumsprognose für 2022 angesichts des russischen Kriegs gegen die Ukraine nahezu halbiert. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr nur noch um 2,1 Prozent zulegen, teilten die Ökonomen heute mit. "Die deutsche Wirtschaft ist abermals heftigem Gegenwind ausgesetzt", so die Forscher.

Bereits im Dezember hatte das IfW seine Erwartungen angesichts der anhaltenden Corona-Pandemie und der hartnäckigen Lieferengpässe von 5,1 auf 4 Prozent nach unten korrigiert. Vor dem Hintergrund der seit Kriegsausbruch noch stärker steigenden Energiepreise rechnet das Institut zudem mit einer Inflationsrate von 5,8 Prozent - dem höchsten Wert seit der deutschen Einheit vor mehr als 30 Jahren.

Gedämpfter Konsum und schwindender Absatz

"Der Ukraine-Schock verzögert die Rückkehr zum Vor-Corona-Niveau in die zweite Jahreshälfte", schreiben die Ökonomen in ihrer Prognose. "Die Produktionskapazitäten bleiben bis Ende des Jahres nicht voll ausgelastet und damit die Wirtschaftsleistung unter den Möglichkeiten." Ein Teil der ausfallenden Produktion dürfte aus IfW-Sicht 2023 nachgeholt werden, sodass für das kommende Jahr nun ein leicht stärkeres Wachstum von 3,5 (bislang 3,3) Prozent erwartet wird.

Insgesamt kosteten die ökonomischen Verwerfungen infolge des Ukraine-Kriegs Deutschland in diesem und im kommenden Jahr rund 90 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung, kalkuliert das IfW. "Der Krieg in der Ukraine führt zu hohen Rohstoffpreisen, neuen Lieferengpässen und schwindenden Absatzmöglichkeiten." Die hohen Energiepreise verringern laut IfW die Kaufkraft der verfügbaren Einkommen und dämpfen damit den privaten Konsum.

60 Prozent der Firmen melden Lieferprobleme

Dazu belasten die Lieferengpässe die stark vernetzte Industrie spürbar. Rund 60 Prozent der Unternehmen melden zusätzliche Störungen in der Lieferkette und Logistik als Folge des Kriegs, wie aus einer heute veröffentlichten Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) hervorgeht. Insbesondere für mittelständische Industriebetriebe spitze sich die Lage teilweise dramatisch zu. Sie bekommen dem DIHK zufolge weniger Vorprodukte oder - wie vor allem bei Energie - nur zu sehr hohen Preisen und können die Kostensteigerungen nur teilweise an ihre Kunden weitergeben.

"All dies trifft die Wirtschaft in einer Phase, in der die dämpfenden Einflüsse der Pandemie nachlassen und eine kräftige Erholung angelegt war", so das IfW. 2021 betrug das Wirtschaftswachstum 2,9 Prozent. Im ersten Corona-Jahr 2020 war die größte europäische Volkswirtschaft noch um 4,6 Prozent geschrumpft.

Dass die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr nicht erneut in eine Rezession stürzen dürfte, erklären die Ökonomen mit "starken postpandemischen Auftriebskräften". Sonderfaktoren wie enorme Ersparnisse der Konsumenten sowie Spitzenwerte bei den Auftragsbeständen federn den Ukraine-Schock demnach ab.

Inflation so hoch wie noch nie seit der Wende?

Keine Entwarnung geben die IfW-Experten bei den Preisen. "Die Inflationsrate dürfte in diesem Jahr mit 5,8 Prozent so hoch ausfallen wie noch nie im wiedervereinigten Deutschland", hieß es. Selbst wenn die Rohstoffpreise nicht mehr weiter steigen und die Lieferengpässe allmählich nachlassen, werde die Teuerungsrate auch im kommenden Jahr mit 3,4 Prozent wohl noch hoch bleiben. In der Euro-Zone lag die Inflation im Februar auf Rekordhoch. Die Verbraucherpreise stiegen um im Vergleich zum Vorjahresmonat 5,9 Prozent, wie das europäische Statistikamt Eurostat heute nach endgültigen Daten mitteilte.

Darüber hinaus dürfte die Invasion Russlands nicht nur Auswirkungen auf Deutschland und Europa haben, sondern auch auf die Weltwirtschaft. Der Krieg wird nach Ansicht der OECD die globale Konjunktur bremsen und die Inflation hochtreiben. Das Wachstum der Weltwirtschaft dürfte 2022 um mehr als einen Prozentpunkt niedriger ausfallen, erklärte die Industriestaaten-Gruppe heute in Paris.

Im ersten vollen Jahr nach Beginn des Konflikts könnte laut OECD außerdem die globale Inflation um fast 2,5 Prozentpunkte ansteigen. Die Auswirkungen der Schocks seien von Region zu Region unterschiedlich, wobei die europäischen Volkswirtschaften insgesamt am stärksten betroffen sind - insbesondere diejenigen, die eine gemeinsame Grenze mit Russland oder der Ukraine haben.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. März 2022 um 22:30 Uhr.