Ein Handwerker mit Arbeitshandschuh hält einen Fünf-Euro-Schein und ein paar Münzen in der Hand. | dpa

Arbeitsmarkt Löhne steigen viel langsamer als Preise

Stand: 16.12.2021 11:18 Uhr

Der Anstieg der Tariflöhne liegt in diesem Jahr deutlich unter der Inflationsrate. Die Gewerkschaften haben sich in der Pandemie mit moderaten Lohnsteigerungen begnügt. Doch wird es dabei bleiben?

Das durchschnittliche Lohnplus der Tarifbeschäftigten in Deutschland wird in diesem Jahr laut Statistischem Bundesamt bei 1,3 Prozent liegen. Das geht aus vorläufigen Berechnungen hervor, die heute veröffentlicht wurden. Damit steigen die Tariflöhne in diesem Jahr erheblich langsamer als die Verbraucherpreise. Es handle sich um den geringsten Anstieg der Tarifverdienste seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2010, so die Statistikbehörde. Daten für das vierte Quartal sind in den aktuellen Berechnungen allerdings noch nicht berücksichtigt.

Da für das Gesamtjahr ein Anstieg der Verbraucherpreise von rund drei Prozent erwartet wird, wäre für Tarifbeschäftigte ein ungewöhnlich hoher Reallohnverlust von etwa 1,7 Prozent die Folge. Allerdings werde dieser Kaufkraftverlust durch steuer- und abgabenfreie Corona-Prämien in vielen Branchen abgemildert, wie das Tarifarchiv des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) kürzlich bekanntgab. Diese lagen zwischen 90 Euro in der Süßwarenindustrie und 1300 Euro im Öffentlichen Dienst der Länder. Die unteren Einkommensgruppen profitierten besonders stark von den Corona-Prämien.

Unsicherheit in der Pandemie

Insgesamt wurden im zu Ende gehenden Jahr für mehr als zwölf Millionen Beschäftigte neue Tarifverträge abgeschlossen, wie das WSI mitteilte. Dabei fielen die beschlossenen Lohnsteigerungen moderat aus, weil für viele Gewerkschaften angesichts der Coronakrise vor allem der Erhalt der Arbeitsplätze im Mittelpunkt stand.

Auch Unternehmen wollten wegen der unsicheren Aussichten bei den Personalkosten nicht allzu große Lohnsteigerungen versprechen. "Die Tarifrunde 2021 wurde nach wie vor durch den ungewissen Verlauf der Corona-Pandemie und die damit verbundenen ökonomischen Unsicherheiten geprägt", so der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten. "Im Ergebnis führt dies zu eher moderaten Tariflohnzuwächsen."

Droht eine Lohn-Preis-Spirale?

Das ifo-Institut in München geht davon aus, dass auch im kommenden Jahr die Preise schneller steigen werden als die Tariflöhne. Die wirtschaftliche Erholung und die stärkere Teuerung könnten sich "erst mit zeitlicher Verzögerung in kräftigeren Steigerungen der regulären Tarifentgelte niederschlagen", heißt es im aktuellen Konjunkturausblick der Wirtschaftsforscher. Die Ökonomen rechnen für das kommende Jahr mit einer Preissteigerung von rund 3,3 Prozent, während die Löhne wohl nur um gut 2,4 Prozent steigen dürften.

Manche Ökonomen befürchten, dass die Gewerkschaften wegen des hohen Reallohnverlustes und der wohl weiter hohen Inflation auf deutlich steigende Löhne pochen könnten. Die dadurch steigenden Personalkosten wiederum könnten Unternehmen dazu veranlassen, ihre Verkaufspreise kräftig anzuheben, um die Gewinnmarge zu halten. Dadurch könnte eine Spirale aus immer weiter steigenden Preisen und Löhnen in Gang gesetzt werden, so die Befürchtung mancher Experten.