Blick auf das RWE-Kohlekraftwerk Niederaußem mit unter anderem den Kraftwerksblöcken Niederaußem E & F.  | dpa

Energieerzeugung Mehr Strom aus Kohle und Erdgas

Stand: 07.12.2022 10:43 Uhr

Trotz hoher Gaspreise ist die Stromerzeugung aus Erdgas im Sommer stark angestiegen. Noch deutlicher fiel das Plus bei Kohlestrom aus. Über ein Drittel des deutschen Stroms stammt aus Kohlekraftwerken.

Kohle bleibt die wichtigste Stromquelle für Deutschland. Im dritten Quartal ist ihr Anteil an der deutschen Stromerzeugung sogar nochmals um 13,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum angestiegen: 36,3 Prozent der hierzulande erzeugten und ins Netz eingespeisten Stroms stammten in den Monaten Juli bis September aus Kohlekraftwerken, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden heute mitteilte.

Deutschland Netto-Stromexporteur nach Frankreich

Trotz hoher Gaspreise stieg auch die Stromerzeugung aus Erdgas: Sie war 4,5 Prozent höher als im Vorjahresquartal und machte 9,2 Prozent des eingespeisten Stroms aus. "Damit wurde erstmals seit dem zweiten Quartal 2021 wieder mehr Strom aus Erdgas erzeugt als im jeweiligen Vorjahreszeitraum", so die Statistiker.

Das dürfte nicht zuletzt am dramatischen Einbruch der französischen Stromimporte um 87,9 Prozent gelegen haben. Diese Entwicklung ließ sich vor allem auf technische Probleme in den französischen Kernkraftwerken zurückführen. 2022 wird damit voraussichtlich das erste Jahr seit Beginn der Statistik im Jahr 1990 sein, in dem Deutschland ein Nettoexporteur von Strom nach Frankreich sein wird. Insgesamt vergrößerte sich der deutsche Exportüberschuss von 0,5 auf nunmehr 3 Milliarden Kilowattstunden.

Atomstrom-Erzeugung bricht ein

Trotz des gestiegenen Anteils von Strom aus Kohle und Erdgas ging insgesamt die aus konventionellen Energieträgern erzeugte Strommenge in Deutschland im Jahresvergleich um drei Prozent zurück und machte zuletzt noch 55,6 Prozent der eingespeisten Strommenge aus. Das lag unter anderem am deutlichen Rückgang der Atomenergie um 47,8 Prozent.

Im dritten Quartal 2022 stammten nur noch 7,4 Prozent der eingespeisten Strommenge aus Kernenergie, ein Jahr zuvor belief sich der Anteil noch auf 14,1 Prozent. Zum Jahresende 2021 waren im Rahmen des Ausstiegs aus der Atomenergie drei der sechs bis dahin noch im Betrieb befindlichen Kernkraftwerke abgeschaltet worden.

Solarstrom-Anteil steigt stark an

Demgegenüber stieg der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Erzeugung um 2,9 Prozent auf zuletzt 44,4 Prozent. Besonders deutlich nahm wegen der ungewöhnlich hohen Zahl an Sonnenstunden die Einspeisung aus Photovoltaik-Anlagen zu, der Anteil zog von 16 auf 20,3 Prozent an.

Insgesamt wurden dem Statistikamt zufolge im dritten Quartal in Deutschland 118,1 Milliarden Kilowattstunden Strom ins Netz eingespeist. Das waren 0,5 Prozent weniger als im dritten Quartal des vergangenen Jahres.

Experten fordern stärkeren Ausbau erneuerbarer Energien

Unterdessen hat eine Autorengruppe um ifo-Präsident Clemens Fuest vorgeschlagen, so viele Quellen wie möglich für die deutsche Stromversorgung zu nutzen.

"Der Ausbau erneuerbarer Energien ist massiv zu beschleunigen, ebenso wie der Bau von Gaskraftwerken, die später Wasserstoff verbrennen können", schreiben Fuest, sein Vorgänger Hans-Werner Sinn, die Unternehmer Christoph Theis und Roland Berger sowie ifo-Verwaltungsratschef Peter-Alexander Wacker in einem Aufsatz für den "ifo Schnelldienst".

E-Autos als Stromspeicher?

"Kernkraftwerke sollten erst dann abgeschaltet werden, wenn andere Kraftwerke zur Verfügung stehen, die kein CO2 ausstoßen", so die Autorengruppe. Auch sollte die heimische Gasförderung ausgebaut werden. Zudem sollten Pipelines in der EU und von wichtigen Lieferanten wie Norwegen, Großbritannien und den Ländern südlich des Mittelmeeres ausgebaut werden.

Die Experten sprechen sich außerdem dafür aus, dass Deutschland die Energie-Kooperation mit Partnerländern vertieft. Der Strommarkt solle umfassend geöffnet und flexibilisiert werden. Derzeit verhinderten starre Regulierungen die Nutzung von dezentralen Erzeugern. So könne man E-Autos beispielsweise als Stromspeicher einsetzen. Zum Ausgleich von sehr kurzfristigen Schwankungen bei erneuerbaren Energien könne dies den Bau von zehn Gaskraftwerken überflüssig machen.