Röhren an der Anlandestation des Gaspipeline Nord Stream 1 | REUTERS

EU-Notfallplan Deutschland muss am meisten Gas sparen

Stand: 04.08.2022 10:04 Uhr

Als größter Gasimporteur Europas muss Deutschland mit den neuen EU-Vorgaben bis März so viel einsparen wie mehrere Millionen Vier-Personen-Haushalte im Jahr verbrauchen. Der Industrieverband BDI fordert mehr Tempo dabei.

Deutschland muss den Gasverbrauch in den kommenden Monaten deutlich stärker senken als die anderen Länder der Europäischen Union. Wie Daten der EU-Kommission laut Nachrichtenagentur dpa zeigen, muss die Bundesrepublik von Anfang August bis März kommenden Jahres gut 10 Milliarden Kubikmeter weniger Gas verbrauchen, um das von den EU-Ländern beschlossene Ziel zu erreichen.

Die in Deutschland zu sparende Gasmenge kommt in etwa dem Durchschnittsverbrauch von fünf Millionen Vier-Personen-Haushalten im Jahr gleich. Denn 10 Milliarden Kubikmeter Gas entsprechen etwa 100 Milliarden Kilowattstunden, und ein Musterhaushalt mit vier Personen in Deutschland verbraucht im Jahr rund 20.000 Kilowattstunden.

Auch Italien muss Verbrauch stark reduzieren

Europas größte Volkswirtschaft muss wegen ihres vergleichsweise hohen Gasverbrauchs mehr sparen als andere. Als nächstes kommt Italien - mit einer nötigen Einsparung von etwas über 8 Milliarden Kubikmetern bis März kommenden Jahres. Frankreich und die Niederlande müssen beide ungefähr fünf Milliarden Kubikmeter weniger verbrauchen. Insgesamt muss die EU rund 45 Milliarden Kubikmeter Gas sparen. Für fast ein Viertel der Einsparung wäre also Deutschland verantwortlich.

Angesichts des ambitionierten Sparziels fordert die deutsche Industrie die Bundesregierung zu mehr Tempo bei Maßnahmen zum Gassparen auf. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, kritisierte außerdem, der Brennstoffwechsel in Betrieben weg von Gas zum Beispiel zurück zu Öl werde durch langwierige Genehmigungsverfahren ausgebremst.

"Größte Energiekrise seit Bestehen der Bundesrepublik"

Russwurm forderte zudem mehr Tempo etwa beim Ersatz der Stromerzeugung aus Gas durch das Wiederanfahren von Kohlekraftwerken. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) habe am 18. Juni erklärt, dass Kohlekraftwerke aus der Reserve geholt werden müssten. Erst sieben Wochen später sei das erste wieder ans Netz gegangen.

"Das ist nicht die Geschwindigkeit, die Deutschland im Krisenmanagement braucht", sagte Russwurm. "Deutschland befindet sich in der größten Energiekrise seit Bestehen der Bundesrepublik. Wirtschaft und Privatverbraucher müssen ihren Teil zum Gassparen beitragen, um Produktionsstopps zu verhindern. Es geht jetzt um Entschlossenheit und Schnelligkeit."

Habeck sieht Deutschland auf gutem Weg

Vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine hatten sich die EU-Länder auf einen Notfallplan geeinigt, da ein kompletter Lieferstopp von russischem Gas befürchtet wird. Der Plan sieht vor, den nationalen Konsum im Zeitraum vom 1. August 2022 bis zum 31. März 2023 freiwillig um 15 Prozent zu senken - verglichen mit dem Durchschnittsverbrauch im gleichen Zeitraum in den vergangenen fünf Jahren. Falls nicht genug gespart wird und es weitreichende Versorgungsengpässe gibt, kann in der EU ein Alarm mit verbindlichen Einsparzielen ausgelöst werden.

Deutschland ist nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) aber bereits auf einem guten Weg. Demnach liegt die Bundesrepublik bei 14 oder 15 Prozent Einsparungen - allerdings im Vergleich zum Vorjahr und nicht temperaturbereinigt. Habeck sagte vergangene Woche in Brüssel, dass Deutschland seinen Verbrauch um mehr als die vereinbarten 15 Prozent, also mehr als 10 Milliarden Kubikmeter Gas, mindern sollte.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. August 2022 um 08:02 Uhr.