Bewohnerin eines Altenhims wird versorgt | dpa
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Pandemie-Folgen Sozialverbände unter Druck

Stand: 16.12.2020 06:02 Uhr

Finanzierungslücken, Zusatzkosten, Personalsorgen: Eine Umfrage unter den Wohlfahrtsverbänden zeigt, wie hart karitative Einrichtungen von Corona getroffen sind. Dabei ist die soziale Infrastruktur wichtiger denn je.

Von Kaveh Kooroshy, RBB

Fast die Hälfte - 46 Prozent - aller befragten karitativen Einrichtungen in Deutschland rechnet aufgrund der Corona-Pandemie mit Finanzierungslücken. Das ergab eine Umfrage der Bank für Sozialwirtschaft (BfS) unter den großen Wohlfahrtsverbänden, die der RBB exklusiv vorab einsehen konnte.

Corona kostet viel Geld

Die Finanzierungslücken entstehen, weil beispielsweise aufgrund von Abstandsregeln weniger Klienten versorgt werden können. Entsprechend können die karitativen Einrichtungen bei den Kommunen weniger Fälle geltend machen. Die Lücken werden zwar durch Rettungsschirme ausgeglichen, Umbaumaßnahmen - etwa die Errichtung von Plexiglasscheiben - müssten aber aus eigenen Mitteln bezahlt werden. Entsprechend geben 96 Prozent der Einrichtungen mit Finanzierungslücken an, dass die Schutzschirme nicht die Corona-bedingten Defizite ausgleichen. 

Die karitativen Einrichtungen sind dabei häufig in einer schwierigeren Lage als private Unternehmen, so der Deutsche Caritasverband, dessen Einrichtungen auch befragt worden sind: "Im Gegensatz zu Unternehmen der Privatwirtschaft können Wohlfahrtseinrichtungen, weil sie eine gemeinnützige GmbH oder ein e.V. sind, keine Rücklagen bilden - sie haben also kein finanzielles Polster, um sich abzusichern. Sie können auch nicht zur Bank gehen und einen Kredit beantragen, den sie mit zukünftigen Gewinnen zurückzahlen könnten, denn sie machen keine Gewinne." 

Pandemie gefährdet die Existenz 

Derzeit rechnet etwa ein Drittel der befragten Einrichtungen mit Einbußen zwischen fünf und zehn Prozent. 22 Prozent gehen von Einbußen zwischen elf und 20 Prozent aus. Weitere 15 Prozent befürchten gar Verluste zwischen 21 und 30 Prozent. Ohne Rücklagen und Gewinnmargen sind bereits geringe Einbußen schnell ein Problem. 

"Wenn die Finanzierung nicht mehr stimmt, ist die Existenz vieler Einrichtungen gefährdet. Die Ausdünnung der sozialen Infrastruktur ist in einer Zeit, in der die Not der Menschen krisenbedingt zunimmt, das schlimmstmögliche Szenario", so die Caritas. 

Auch Personalsorgen sind ein Problem 

Für das kommende Jahr rechnet zudem mehr als jede fünfte Einrichtung (22 Prozent) damit, dass der Personalengpass eine wesentliche Herausforderung sein wird. Besonders in der Pflege seien die Personalsorgen sehr ausgeprägt. Grund sei vor allem, dass nun neben der Pflege zusätzlich beispielsweise auf Corona getestet werden müsse.

Aber auch Quarantänemaßnahmen, die Desinfektion oder Besuche von Angehörigen seien personalintensiv. Und im Winter ist zusätzlich der Krankenstand sehr hoch. So verstärkt der Pflegenotstand - schon in normalen Zeiten ein Problem - nun in der Pandemie noch zusätzlich die Sorgen. 

Bereits die zweite Umfrage in der Pandemie 

Die Bank für Sozialwirtschaft hat die Umfragereihe nach eigenen Angaben in enger Zusammenarbeit mit den Spitzenverbänden AWO, Caritas, Diakonie, DRK, ZWST, dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge (DV) sowie dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) und der Universität Köln entwickelt. Nach der Auswertung sollen die Ergebnisse veröffentlicht und mit den Gremien des Sozial- und Gesundheitswesens, der Freien Wohlfahrtspflege sowie mit der Politik diskutiert werden. 

Bereits am Anfang der Pandemie hatten die BfS und die Universität Köln in einer ersten Umfrage rund 1000 soziale Einrichtungen in Deutschland befragt und die Ergebnisse im Juni veröffentlicht. Die derzeit laufende zweite Umfrage soll noch bis zum 20. Dezember durchgeführt werden, die Ergebnisse sollen im Februar vorliegen. Die nun veröffentlichten Zahlen sind eine Auswertung der bereits eingegangenen Antworten. 

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin am 16. Dezember um 13.00 Uhr.