Schattenwirtschaft |

Folge des Lockdowns Immer mehr Menschen arbeiten schwarz

Stand: 15.02.2021 14:13 Uhr

Die Schwarzarbeit hat 2020 deutlich zugenommen. Und auch die Schattenwirtschaft ist zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder gewachsen. Der Hauptgrund: Corona.

Von Daniela Diehl, SWR

"Hey, du bist doch Friseur. Könntest du nicht mal? Meine Nachbarin müsste auch ganz dringend ..." - Sätze wie diesen hört Corinna Männchen zurzeit ständig. Sie ist Angestellte in einem Friseurladen im baden-württembergischen Calw. Mal wird sie auf der Straße angesprochen, mal angerufen und sogar angeschrieben. Doch sie will nicht illegal Haare schneiden: "Es ziehen gerade alle an einem Strang. Es laufen gerade alle so rum. Jeder hätte einen Haarschnitt dringend notwendig."

Doch der Haar-Notstand bei den Kunden werde immer größer, sagt auch die Obermeisterin der Friseurinnung Calw, Roswitha Keppler. Deshalb nehme die Schwarzarbeit zu: "Wir rechnen im Moment mit 50 Prozent Schwarzarbeit. Laufen Sie mal auf der Straße rum, wie viel tolle, friseurgeschnittene Köpfe ihnen entgegenkommen."

Seltenere Kontrollen

Nicht nur bei den Friseuren gibt es mehr Schwarzarbeit, sondern auch in vielen anderen Branchen, wie kürzlich die Zahlen der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) zeigten. Sie ist eine Sondereinheit des Zolls und für die Bekämpfung von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung zuständig und untersteht wie der Zoll dem Bundesfinanzministerium. Zwar rückten die FKS-Mitarbeiter im vergangenen Jahr Corona-bedingt seltener zu Kontrollen in Unternehmen aus, trotzdem stieg der von ihnen aufgedeckte Schaden gegenüber dem vergangenen Jahr.

Laut Zahlen des Finanzministeriums wurden mehr als 100.000 Strafverfahren und mehr als 57.000 Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Die Schadensumme betrug aufgrund hinterzogener Steuern und nicht gezahlter Sozialabgaben rund 816 Millionen Euro - etwa acht Prozent mehr als im Vorjahr. Insgesamt führten die Ermittlungen zu Freiheitsstrafen, die sich - alle zusammengenommen - auf mehr als 1800 Jahre Haft belaufen würden.

Vor allem Gaststätten, Hotels, Friseure und Messebauer seien wegen der Lockdown-Schließungen seltener überprüft worden, dafür habe man einen Schwerpunkt auf die Fleischbranche sowie Kurier- und Paketdienstleister gesetzt, hieß es im Finanzministerium.

Nur Prognosen möglich

Doch die Zahlen des Bundesfinanzministeriums zeigen lediglich, wer bei der Schwarzarbeit erwischt worden ist. Das ist natürlich auch davon abhängig, wie viel und wo kontrolliert wird. Aktuell schwarzarbeitende Kolleginnen und Kollegen von Friseurin Männchen würde die FKS zum Beispiel nicht entdecken. Gewaschen, geschnitten und geföhnt wird vermutlich vor allem bei den Leuten zu Hause, im Privaten. Die FSK interessiert sich aber vor allem dafür, ob Firmen illegal Mitarbeiter beschäftigen, ohne Sozialbeiträge und Steuern abzuführen, oder ob sie sich um den Mindestlohn drücken.

Ein vollständigeres Bild bieten da die Prognosen von Bernhard Boockmann vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen. Er beschäftigt sich schon seit Jahren mit der sogenannten Schattenwirtschaft. Zusammen mit Friedrich Schneider von der Johannes-Kepler-Universität in Linz erstellt er jährliche Prognosen, wie groß die Schattenwirtschaft tatsächlich sein dürfte. Allerdings beinhaltet diese nicht nur Schwarzarbeit, sondern auch illegale Beschäftigung und alle sonstigen kriminellen Aktivitäten. 

Schattenwirtschaft wächst ebenfalls

Auch die Prognosezahlen für die Schattenwirtschaft zeigen einen Anstieg für das Jahr 2020 - nachdem sie jahrelang geschrumpft war. Das letzte Mal vor Corona, dass die Schattenwirtschaft gewachsen und nicht geschrumpft ist, war 2009 während der Finanzkrise. Der Umfang der Schattenwirtschaft, sprich die Wertschöpfung, dürfte 2020 bei rund 339 Milliarden Euro gelegen haben - 16 Milliarden mehr als im Jahr 2019, so Boockmann.

Seine Forschung hat ergeben, dass die Hauptursachen für die Zunahme der Schattenwirtschaft die deutlich gestiegene Arbeitslosigkeit und die gesunkenen Einkommen während der Corona-Pandemie sind. Ein noch größerer Anstieg der Schattenwirtschaft wurde durch die Kurzarbeit als Krisenmaßnahme verhindert. Und auch die zeitweise Senkung der Umsatzsteuer habe den Anstieg der Schattenwirtschaft etwas gebremst, da dadurch legale Güter und Dienstleistungen billiger wurden im Vergleich zu Schattenwirtschaftsgütern.

Drohende Armut als Motiv?

Dass es im vergangenen Jahr vermehrt Schwarzarbeit gegeben hat, halten die beiden Forscher nicht generell für alarmierend. Man müsse da je nach Bereich unterscheiden, sagen sie. Bei Friseuren wie Männchen, kritisiert Boockmann, gebe es ein Gefährdungspotenzial, "weil man die Regeln des Lockdowns umgeht." In anderen Bereichen, findet sein Kollege Schneider, dürfe man sich nicht in die Tasche lügen. Je strenger der Lockdown, umso größer die Schattenwirtschaft. "Wenn der Staat dir den Laden dicht macht, musst du schauen, wie du die nächste Miete zusammenbekommst."

Auch Schwarzarbeit, sagt Schneider, sei eine Form der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung. Die stark gestiegene Schwarzarbeit habe 2020 viele Menschen vor dem Abgleiten in die Armut geschützt, das heimlich verdiente Geld sei sofort wieder in der offiziellen Wirtschaft ausgegeben worden und habe die Konjunktur stabilisiert. "Natürlich sind Tätigkeiten in der Schattenwirtschaft nicht legal. Trotzdem finde ich, dass der Staat, der vielen Menschen ihre wirtschaftliche Betätigung verbietet, beim juristischen Verfolgen der Schwarzarbeit derzeit nicht übertrieben rigoros vorgehen sollte. Zumindest bis die Krise vorbei ist."

2021 könnte die Schattenwirtschaft wieder schrumpfen, so die Prognose der beiden Wissenschaftler - unter anderem, weil mit einem Ende des Lockdowns zu rechnen sei. Friseurin Männchen wird eine der ersten sein, die davon profitiert. Vom 1. März an kann sie wieder "Ja, klar" sagen, wenn sie jemand fragt: "Hey, du bist doch Friseur. Könntest du nicht mal?" Schere, Kamm und Fön liegen im Friseursalon jedenfalls schon bereit.

Über dieses Thema berichtete die Landesschau Rheinland Pfalz am 10. Februar 2021 um 18:44 Uhr.