Sonnenuntergang im Hamburger Hafen  | picture alliance/dpa

Düstere Prognose Deutschland steuert direkt in die Rezession

Stand: 29.09.2022 10:54 Uhr

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen fest mit einer Rezession in Deutschland. Bei einer Gasmangellage droht im laufenden Jahr sogar ein Konjunktureinbruch von 7,9 Prozent.

Die deutsche Wirtschaft befindet sich laut den führenden Wirtschaftsforschungsinstituten auf direktem Kurs gen Rezession. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird im zu Ende gehenden Sommerquartal, im Herbst und Anfang 2023 jeweils schrumpfen. Das geht aus dem Herbstgutachten der Forscher mit dem Titel "Energiekrise: Inflation, Rezession, Wohlstandsverlust" hervor.

BIP-Prognose für 2022 nahezu halbiert

Demzufolge dürfte das BIP im dritten Quartal um 0,2 Prozent sinken, Ende 2022 um 0,6 Prozent und im ersten Vierteljahr 2023 um 0,4 Prozent. Ab nächstem Frühjahr dürfte die Wirtschaft dann wieder leicht zulegen. Für das Gesamtjahr 2022 prognostizieren sie nur noch ein kleines Wachstum von 1,4 Prozent. Für 2023 sagen sie einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent vorher, für das Jahr 2024 einen Anstieg um 1,9 Prozent.

Damit bewerten die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute die wirtschaftliche Lage deutlich schlechter als noch im Frühjahr und halbieren nahezu ihre Prognose für 2022. Im April hatten sie noch mit einem Wachstum der deutschen Wirtschaft von 2,7 Prozent im laufenden Jahr und von 3,1 Prozent im kommenden Jahr gerechnet.

Die Frühjahrs- und Herbstgutachten

Die sogenannte Gemeinschaftsdiagnose der Institute wird zweimal im Jahr erstellt, im Frühjahr sowie im Herbst. Sie stammt vom Essener RWI, Münchner ifo, Kieler IfW und dem IWH aus Halle. Das Berliner DIW pausiert derzeit und will 2023 wieder am Gutachten mitarbeiten. Das Papier dient als Grundlage für die Konjunkturprognose der Regierung, die wiederum als Basis für die Aufstellung der Haushalte der öffentlichen Hand gilt.

Gaskrise für Konjunktureinbruch verantwortlich

Der Grund für die Verschlechterung der konjunkturellen Aussichten sind vor allem die reduzierten Gaslieferungen aus Russland. "Der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierende Krise auf den Energiemärkten führen zu einem spürbaren Einbruch der deutschen Wirtschaft", sagt Torsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Sprecher der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose.

Mittelfristig dürfte sich die Lage zwar etwas entspannen, dennoch dürften die Gaspreise deutlich über Vorkrisenniveau liegen. Dies bedeute für Deutschland einen permanenten Wohlstandsverlust, so die Forscher.

Drastischer Konjunktureinbruch im Risikoszenario

Die Forscher warnen allerdings, dass ihre neuen Prognosen auf der Annahme beruhen, dass eine Gasmangellage in den Wintermonaten vermieden werden kann. Andernfalls seien gravierende Konsequenzen für die wirtschaftliche Aktivität zu erwarten.

In ihrem Risikoszenario, das unter anderem einen sehr kalten Winter, geringe Gaseinsparungen und eine daraus resultierende Gasmangellage unterstellt, veranschlagen die Forscher für 2023 einen Konjunktureinbruch um 7,9 Prozent. Das wäre deutlich mehr als in der Finanzkrise und im ersten Corona-Jahr 2020. Unter diesen Umständen dürfte das BIP auch 2024 noch um 4,2 Prozent schrumpfen.

Inflationsrate von 8,8 Prozent 2023 erwartet

Die deutsche Wirtschaft wird den Wirtschaftsinstituten zufolge zunehmend von der Energiepreiskrise und der hohen Inflation belastet. Dies sorgt für einen massiven Kaufkraftverlust der Verbraucher. "Sowohl einkommensschwache Haushalte als auch Unternehmen sind deshalb auf weitere Unterstützung der Politik angewiesen", betont RWI-Konjunkturchef Schmidt.

Die Inflation wird laut dem Herbstgutachten von 8,4 Prozent im Jahresschnitt 2022 auf 8,8 Prozent im nächsten Jahr klettern. Erst im Jahr 2024 werde die Zwei-Prozent-Marke allmählich wieder erreicht.

Stabiler Arbeitsmarkt als Hoffnungsfaktor

Derweil geht vom Arbeitsmarkt eine stabilisierende Wirkung aus. Zwar dürfte die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften angesichts der konjunkturellen Schwächephase zurückgehen, heißt es in dem Herbstgutachten. Die Unternehmen dürften aufgrund des Fachkräftemangels in vielen Bereichen aber bestrebt sein, den vorhandenen Personalbestand zu halten, so dass die Erwerbstätigkeit nur vorübergehend geringfügig sinken dürfte.

Die Wirtschaftsforscher sehen die Arbeitslosenquote im laufenden Jahr bei 5,3 Prozent nach 5,7 Prozent im Vorjahr. 2023 dürfte sie dem Gutachten zufolge leicht ansteigen auf 5,5 Prozent und dann 2024 wieder auf 5,3 Prozent zurückgehen.