Der Himmel erleuchtet in lila und pink hinter dem Johan Sverdrup Ölfeld in der Nordsee | picture alliance/dpa

Schwankungen an Rohstoffmärkten Die Ölpreise spielen verrückt

Stand: 01.12.2021 15:39 Uhr

Die Ölpreise sind im November so stark gesunken wie seit Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr. Experten sprechen von einem "schizophrenen Markt". Jetzt kommt es auf die OPEC an.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Wer ein paar Tage oder gar Wochen lang nicht tanken musste, reibt sich verwundert die Augen: Mussten Autofahrer Mitte November noch Rekordpreise für Diesel und Benzin zahlen, kostete Superbenzin der Sorte E10 dem ADAC zufolge gestern im Schnitt "nur" noch 1,634 Euro pro Liter - immerhin 3,7 Cent weniger als vor einer Woche. Mitte des vergangenen Monats lag der Preis noch bei 1,701 Euro je Liter E10. Hintergrund der vergünstigten Spritpreise ist der drastische Preisverfall am Ölmarkt.

1.12.2021 • 15:39 Uhr

Drastische Kehrtwende am Ölmarkt

Die Preise sowohl für die Nordseesorte Brent als auch für US-Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) waren im November so stark eingebrochen wie seit März 2020 und damit seit Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr. Die Kehrtwende am Ölmarkt kam selbst für viele Experten überraschend, hatte WTI im Oktober doch noch ein Sieben-Jahres-Hoch markiert und war Brent auf ein Drei-Jahres-Hoch geklettert.

Doch binnen nur weniger Tage wurden alle Zuwächse seit Ende August ausgelöscht. Brent und WTI sind nun so billig wie seit drei Monaten nicht mehr. Allein am vergangenen Freitag rauschte der WTI-Preis um über 13 Prozent in die Tiefe und verzeichnete damit den größten Kurseinbruch des laufenden Jahres. Zugleich war es der fünfte Wochenverlust in Folge - und damit die längste Verlustserie seit März 2020.

Raus aus dem Risiko

Dabei spiegeln die Ölpreise in erster Linie die Risikostimmung an den globalen Finanzmärkten wider. Seit dem Auftauchen der Omikron-Variante flohen Anleger aus risikoreichen Anlagen wie Aktien und Öl. Experten sprechen von einer "Risk off"-Bewegung.

Das klingt erst einmal rational und nachvollziehbar, schließlich können selbst Top-Wissenschaftler derzeit noch nicht einschätzen, wie groß die Gefahren für Unternehmen und Konjunktur wirklich sind, die aus der neuen Corona-Variante resultieren.

Panikverkäufe übertrieben?

Nicht mehr ganz so rational nachvollziehbar ist allerdings das Ausmaß der Bewegung - findet jedenfalls Jeffrey Halley, leitender Marktanalyst Asien-Pazifik beim Devisen-Broker Oanda: Die Ölpreise seien "der vielleicht schizophrenste Markt, den es derzeit gibt".

Nicht ganz so drastisch drückt es Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch aus - auch wenn er in der Sache zu einem ähnlichen Schluss kommt: "Es herrscht offenbar Panik, dass die Omikron-Variante zu ähnlich starken Auswirkungen auf die Ölnachfrage führen könnte wie der Ausbruch der Pandemie. Diese Sorgen halten wir für übertrieben."

Freigabe strategischer Ölreserven und Angst vor Angebotsüberschuss

Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings auf: Die Preisrally am Ölmarkt war schon vor dem Auftauchen der Omikron-Variante ins Stocken geraten. Gleich von zwei Seiten wurde das "schwarze Gold" zuletzt unter Beschuss genommen.

Auf der einen Seite drückten seit Wochen Spekulationen über ein höheres Angebot infolge der Freigabe der nationalen Ölreserven durch große Volkswirtschaften die Kurse von Brent und WTI. Vergangene Woche gab die Biden-Administration dann tatsächlich 50 Millionen Barrel (je 159 Liter) der strategischen Ölreserven der USA frei. Das Ganze ist Teil einer globalen Anstrengung von Staaten wie Indien, China, Japan, Südkorea und Japan, den rapiden Anstieg der Ölpreise mitsamt seiner negativen Auswirkungen auf die Unternehmen und Verbraucher abzumildern.

Auf der anderen Seite hatten schon vor Omikron Nachfragesorgen die Runde gemacht, da Experten zufolge die Erholung der globalen Konjunktur wegen des dynamischen Infektionsgeschehens insbesondere in Europa, aber auch wegen der strikten Null-Covid-Strategie in China im Winter ins Stocken geraten dürfte.

Omikron wirkte in dieser Gemengelage also gewissermaßen wie ein Katalysator, der die Ängste vor einem drohenden drastischen Angebotsüberschuss Anfang 2022 nochmals verschärfte.

Was macht die OPEC+?

Kurzfristig kommt es nun auf das Ölkartell OPEC und seine Verbündeten an. Eigentlich wollte die OPEC+ auf ihrem morgigen Treffen eine Erhöhung der Ölproduktion um weitere 400.000 Barrel pro Tag bestätigen.

"Angesichts der jüngsten Marktentwicklung ist dies aber kaum noch vorstellbar", meint Commerzbank-Rohstoffexperte Fritsch. Der OPEC+ dürfte daher kaum eine andere Alternative bleiben als die geplante Produktionserhöhung für zwei Monate auszusetzen.

Ölpreise vor weiterem Anstieg?

Sollte die OPEC+ gegen eine Ausweitung der Ölproduktion stimmen, könnte das zu einer Stabilisierung der Preise beitragen. Ohnehin könnte es sich beim jüngsten Einbruch der Ölpreise Experten zufolge womöglich nur um ein vorübergehendes Phänomen handeln. So ist etwa Christopher Wood, Anlagestratege der US-Investmentbank Jefferies, überzeugt, dass angesichts der großen Abhängigkeit der globalen Energienachfrage von Öl die Preise mittelfristig weiter steigen dürften.

Im vergangenen Jahr seien 84 Prozent der weltweiten Energienachfrage durch fossile Brennstoffe gedeckt worden, betonte Wood heute gegenüber dem US-Nachrichtensender CNBC. Der Ölpreis habe daher das Zeug dazu, noch sehr viel stärker zu steigen, was wiederum für einen sprunghaften Anstieg der Inflationsängste sorgen dürfte. Das Einzige, was der Ölpreis-Rally jetzt einen nachhaltigen Tiefschlag versetzen könnte, wären neue Lockdowns in der westlichen Welt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Dezember 2021 um 17:00 Uhr.