Erdölförderung | picture alliance / dpa

Hohe Energiepreise Staaten zapfen Erdölreserven an

Stand: 23.11.2021 15:34 Uhr

Die USA und mehrere andere Staaten haben wegen der hohen Ölpreise einen Teil ihrer Notreserven freigegeben. Deutschland ist an dieser strategischen Allianz wohl nicht beteiligt.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Angesichts der rasant gestiegenen Energiepreise hat US-Präsident Joe Biden heute die Freigabe von 50 Millionen Barrel Öl aus der strategischen Reserve angeordnet. Nach Angaben des Präsidialamtes beteiligen sich auch China, Indien, Japan, Südkorea und Großbritannien an der Aktion. Ziel sei es, die Preise für die Endverbraucher zu senken und das Missverhältnis zwischen der Nachfrage und dem Angebot auszugleichen. "Der Präsident hat mit Ländern in der ganzen Welt zusammengearbeitet, um den Versorgungsmangel nach der Pandemie zu beheben", teilte das Präsidialamt mit. Biden steht angesichts der vergleichsweise hohen Inflation und sinkender Zustimmungswerte in der Bevölkerung unter Druck.

Bereits vor der offiziellen Mitteilung waren die Preise etwas gesunken. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 79,04 Dollar. Das waren 66 Cent weniger als am Vortag. Allerdings stieg der Ölpreis als Reaktion auf die Nachricht von der Freigabe wieder. Ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) kostete am Nachmittag wieder mehr als 77 Dollar - nach zuvor knapp 76 Dollar. Offenbar gingen Händler davon aus, dass die Staaten weniger Öl freigegeben haben als erwartet. Auch über eine mögliche Vergeltungsaktion der Opec-Staaten wurde spekuliert.

Auch China ist dabei

Schon seit Tagen hatten sich Marktteilnehmer zuvor auf eine abgestimmte Freigabe nationaler Ölreserven eingestellt, die einen weiteren Anstieg der auf mehrjährige Höchststände gestiegenen Preise abbremsen oder gar beenden soll. Dass sich auch andere große Verbrauchsländer der Aktion anschließen, war erwartet worden.

"Wir überlegen, was wir tun können, unter der Voraussetzung, dass Japan sich mit den Vereinigten Staaten und anderen betroffenen Ländern abstimmt", wurde Ministerpräsident Fumio Kishida am Samstag von der Nachrichtenagentur Kyodo zitiert. Zuvor hatte bereits China ein Anzapfen der staatlichen Ölreserven angekündigt. "Wir arbeiten daran, Rohölreserven freizugeben", sagte eine Sprecherin der zuständigen Behörde der Nachrichtenagentur Reuters. Der größte Ölimporteur der Welt hatte bereits im September die staatlichen Reserven angezapft und 7,38 Millionen Barrel an heimische Raffinerien versteigert.

"Eine koordinierte Aktion hat sicher einen größeren Einfluss auf den Ölmarkt, als wenn nur die USA alleine diesen Weg gehen würden", erklärte Commerzbank-Rohstoffanalyst Daniel Briesemann.

Deutsche Notvorräte von mehr als 30 Millionen Tonnen

Und Deutschland? Das für die Erdölreserven zuständige Bundeswirtschaftsministerium wollte sich auf Anfrage nicht äußern. "Die Meldungen aus den USA nehmen wir zur Kenntnis und verfolgen diese genau. Ich kann sie aber nicht kommentieren", sagte eine Sprecherin. Das Ministerium verweist zudem darauf, dass die Regelungen zur Erdölbevorratung auf Verständigungen mit der Internationalen Energieagentur (IEA) beruhen. Auf dieser Ebene sei Deutschland bisher nicht angesprochen worden. Unklar bleibt, ob die USA bei der Bundesregierung angefragt haben.

Insgesamt verfügt Deutschland über eigene Reserven von rund 32 Millionen Tonnen Erdöl. Eine Tonne entspricht rund 7,14 Barrel. Die Vorräte sind per Gesetz vorgeschrieben und sollen bei Engpässen und in Krisenfällen die Versorgung für mindestens 90 Tage garantieren. Die Reserven liegen in sogenannten Kavernenspeichern in Niedersachsen, zum Teil in 1000 bis 1500 Metern Tiefe unter der Erde. Teilweise werden sie auch oberirdisch in Tankbehältern gelagert. Die Vorräte sind bereits 1966 eingeführt worden. 1975 wurde die Vorratspflicht gemäß den Vorgaben der IEA auf 90 Tage festgelegt.

Reserven schon dreimal freigegeben

Zuletzt wurden Teile der Ölreserven im Jahr 2011 angezapft, nachdem Libyen wegen der dortigen Unruhen als Erdölexporteur ausgefallen war. Freigegeben wurden die Reserven auch 1991 während der Irak-Kuwait-Krise und im Jahr 2005 nach dem Hurrikan Katrina. Das Wirtschaftsministerium darf die Vorräte freigeben, um Störungen in der Versorgung zu beheben oder zu vermeiden. Für die Verwaltung und Lagerung der Ölreserven ist der in Hamburg ansässige Erdölbevorratungsverband EBV zuständig.

Nach Einschätzung des deutschen Minerölverbands Fuels und Energie hätte eine Beteiligung Deutschlands an einer Allianz zur Nutzung der Ölreserven keinen nennenswerten Einfluss auf die Preisgestaltung. Dazu seien die heimischen Reserven angesichts eines täglichen weltweiten Bedarfs von gut 90 Millionen Barrel (ein Barrel Rohöl umfasst 159 Liter) einfach zu gering. Auch seien die deutschen Reserven dafür angelegt, Notlagen zu überbrücken und nicht auf die weltweite Preisgestaltung einzuwirken. Auch Commerzbank-Experte Briesemann ist der Meinung, dass es "keinen großen Sinn" gemacht hätte, dass sich Deutschland an der Aktion beteiligt, weil die Vorräte zu gering und nur für ernste Versorgungsstörungen gedacht seien.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. November 2021 um 15:00 Uhr.