Menschen gehen durch eine Füßgängerzone in Hamburg. | ARD-aktuell/Weiss

Neue Studie Die Mittelschicht in Deutschland bröckelt

Stand: 01.12.2021 10:31 Uhr

In Deutschland sind in den vergangenen Jahren viele Menschen im erwerbsfähigen Alter in die untere Einkommensschicht gerutscht und von Armut bedroht. Das ist das Ergebnis einer Studie der OECD und der Bertelsmann Stiftung.

In Deutschland sind in den vergangenen Jahren viele Menschen aus der Mittelschicht herausgefallen und in die Armut abgerutscht, wie eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Bertelsmann Stiftung zeigt. Danach zählten im Jahr 1995 noch 70 Prozent der Bevölkerung zur mittleren Einkommensgruppe, 2018 waren es nur noch 64 Prozent. Zwar sank der Anteil im Wesentlichen bis 2005, doch die Mitte erholte sich nicht mehr, obwohl die deutsche Wirtschaft zwischen Finanz- und Coronakrise durchschnittlich um rund zwei Prozent pro Jahr wuchs und die Arbeitslosigkeit sank.

Besonders betroffen vom Abstieg ist der untere Rand der Mittelschicht mit einem geringeren Einkommen. Dazu gehören Singles mit einem verfügbaren Nettoeinkommen zwischen 1500 und 2000 Euro sowie Familien mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern und einem Einkommen von 3000 bis 4000 Euro.

Pandemie hat den Schrumpfkurs verstärkt

Den Autoren der Studie zufolge sind allein von 2014 bis 2017 rund 22 Prozent der Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 bis 64 Jahren in die untere Einkommensschicht gerutscht - und waren damit laut Untersuchung arm oder von Armut bedroht. Es gebe Anzeichen dafür, dass der Schrumpfkurs sich durch die Pandemie noch verschärft habe. Denn auch Personen mit mittleren Einkommen verloren in der jüngsten Krise ihren Job: In dieser Gruppe waren acht Prozent, die vor Beginn der Pandemie noch arbeiteten, im Januar 2021 nicht mehr erwerbstätig, wie sich aus Berechnungen der Stiftung und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergeben hat.

Im Vergleich zu 25 weiteren Ländern der Industriestaaten-Gruppe OECD schrumpfte die Mittelschicht nur in Schweden, Finnland und Luxemburg stärker als in Deutschland. Junge Leute waren hierzulande besonders betroffen: Der Anteil der 18- bis 29-Jährigen, die zur Einkommensmitte gehören, sank mit zehn Prozentpunkten überdurchschnittlich stark. Das zeigt auch der Generationenvergleich: Während es noch 71 Prozent der Babyboomer (Jahrgänge 1955 bis 1964) nach dem Start ins Berufsleben in die Mittelschicht schafften, gelang dies nur noch 61 Prozent der sogenannten Millennials (1983 bis 1996). Zudem gelingt es Ostdeutschen seltener, in den mittleren Einkommensbereich zu gelangen oder sich dort zu halten, als Westdeutschen.

Schlechte Bezahlung und geringe Bildung

Bildung wird dabei immer wichtiger. Denn der Anteil der 25- bis 35-Jährigen mit niedrigem oder mittlerem Bildungsniveau, die es in die Mittelschicht schaffen, sank deutlich. "Bildungsrückstände, die durch die Pandemie entstanden sind, müssen dringend aufgeholt werden, sonst wird vielen der mühsame Aufstieg in die Mittelschicht zusätzlich erschwert", warnen die Autorinnen und Autoren der Studie.

Ein weiterer Grund für die schrumpfende Mittelschicht ist das seit Jahren anhaltende Lohndumping in vielen Arbeitsbereichen. Inzwischen arbeitet ein Sechstel der Vollzeitbeschäftigten, die in Mittelschichthaushalten leben, im Niedriglohnsektor. Bei Beschäftigten in der unteren Einkommensgruppe ist der Anteil sogar viermal so hoch. "Dabei schwächt der große Niedriglohnsektor die Situation der unteren Einkommensgruppen zusätzlich, da Niedriglohnjobs nur selten ein Sprungbrett in besser bezahlte Beschäftigung darstellen", heißt es.

Um die Mittelschicht zu stärken, fordern OECD und Bertelsmann Stiftung dazu auf, Barrieren auf dem Arbeitsmarkt abzubauen. So müssten Teilzeitarbeiter und Minijobber mehr Chancen auf Weiterbildung bekommen. Zudem sollten Umfang und Qualität der Jobs von Frauen verbessert werden. Auch müssten in Berufen, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, wie in der Pflege, höhere Löhne gezahlt werden. Sie arbeiteten zwar häufiger als früher, aber oft mit geringer Stundenzahl und in Tätigkeiten, für die sie überqualifiziert seien. Um zur Mittelschicht zu gehören, brauche es zunehmend ein zweites gutes Arbeitseinkommen. "Wollen wir die Mittelschicht stärken, sollten Umfang und Qualität der Jobs von Frauen verbessert werden", so die Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Dezember 2021 um 14:37 Uhr.