Kellnerin mit Tablett aus der Vogelperspektive | picture alliance / Marijan Murat
Hintergrund

Folgen der Corona-Krise Minijobber sind große Pandemie-Verlierer

Stand: 30.06.2021 20:53 Uhr

555.000 Minijobs sind laut Bundesagentur für Arbeit in der Pandemie verloren gegangen - besonders in der Gastronomie. In ihrer Not wechselten viele Betroffene die Branche und fehlen nun. Wie sinnvoll ist das Modell Minijob noch?

Von Thomas Denzel, SWR

Sie stand ganz plötzlich vor dem Nichts. Im Lockdown im vergangenen Dezember verlor Melanie Zobatschew aus Ulm zuerst ihren Ausbildungsplatz als Speditionskauffrau und dann ihren Minijob als Bedienung in einer Bar. "Das war nicht so einfach", erinnert sich die 20-Jährige. "Weil ich mit den 450 Euro meine Miete abtragen konnte und mit dem Trinkgeld einkaufen gegangen bin oder mein Auto betankt habe."  

Thomas Denzel

Vielen erging es ähnlich wie ihr. Vor allem Minijobber wurden in der Pandemie arbeitslos, die meisten in der Gastronomie. Weil sie nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen, gibt es für Minijobber kein Arbeitslosengeld. Der Beitrag zur Rentenversicherung ist freiwillig.

Minijobber wandern aus der Gastronomie ab

Melanie Zobatschew hatte Glück. Die Pandemie nahm ihr den Job und bescherte ihr ein paar Wochen später einen neuen. Ausgerechnet im Impfzentrum in Ulm fand sie neue Arbeit als Impfhelferin. Ein Job auf Zeit, aber immerhin. Kollegen von ihr waren lange arbeitslos oder landeten im Lebensmittelhandel und anderswo, wo es auch im Lockdown Arbeit gab.

Melanie Zobatschew  | SWR

Melanie Zobatschew fand nach dem Verlust ihres Minijobs Arbeit in einem Impfzentrum. Bild: SWR

Die Corona-Pandemie führte nicht nur unterm Strich zu einem Verlust an Arbeitsplätzen, sondern auch zu einer massiven Abwanderung von Arbeitskräften gerade aus der Gastronomie. "Die Leute aus unserer Branche sind besonders beliebt bei anderen Arbeitgebern, weil sie eine hohe Sozialkompetenz haben", sagt Daniel Ohl vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg. Die Arbeitgeber in seinem Verband bekommen das jetzt zu spüren.

Neubeginn und kein Personal

Marc Wiezorrek zum Beispiel hat erst vor wenigen Tagen sein Hotel-Restaurant Riffelhof wieder eröffnet. In dem Lokal in Burgrieden bei Ulm arbeiteten vor dem Lockdown 15 Minijobber. Genau so viele würde Wiezorrek jetzt gerne wieder einstellen. Doch er findet keine.

Den Kontakt zu seinen früheren Mitarbeitern hat er im Lockdown verloren. "Die sind alle in andere Jobs gegangen", berichtet der Gastwirt. "Und die wieder zurückzukriegen ist ganz schwer." Wochenendarbeit und Einsätze am Abend seien die Hauptgründe. Wiezorrek hat trotzdem wieder geöffnet. Beim Spülen muss er nun selbst mit anpacken und Speisekarte und Öffnungszeiten hat er stark eingeschränkt.

Gastwirt Marc Wiezorrek | SWR

Gastwirt Marc Wiezorrek fehlen seine früheren Minijob-Mitarbeiter beim Neustart. Bild: SWR

Gastwirt Wiezorrek hat gehofft, seine Aushilfskräfte über den Lockdown hinaus halten zu können. Doch für Minijobber kann ein Arbeitgeber kein Kurzarbeitergeld beantragen. Dann, so sagt er, habe er versucht, selbst eine Brücke für sie zu bauen. "Einen Monat lang haben wir ihnen im Lockdown die 450 Euro weiterbezahlt. Aber dann ging das für uns auch nicht mehr."

Diskussion über Reform der Minijobs

Minijobs seien weder für die Beschäftigten noch für die Arbeitgeber eine gute Konstruktion, ist der Ökonom Tom Krebs von der Universität Mannheim überzeugt. Oft würden Vollzeit-Tätigkeiten auf mehrere Minijobs verteilt. "Alles in so kleine Schnipsel zu zerteilen, ist auch für die Unternehmen nicht besonders produktiv", sagt Krebs. Arbeitsgänge müssten nach wenigen Stunden unterbrochen und an andere Beschäftigte übergeben werden.

Er empfiehlt, für jede Beschäftigung ab dem ersten Euro Sozialversicherungsbeiträge abzuführen, den Anteil der Abzüge aber bei kleinen Einkommen niedrig zu halten und dann mit zunehmendem Verdienst langsam zu steigern. Dann gäbe es nicht mehr die harte Grenze bei 450 Euro, bei der es auf einen Schlag Abzüge vom Gehalt gibt und sich Mehrarbeit nicht lohnt. Es könne also auch einmal etwas mehr gearbeitet werden und aus einer Teilzeit- dann Schritt für Schritt eine Vollzeit-Beschäftigung werden.

"Das war ja auch die ursprüngliche Idee hinter den Minijobs: dass sie langfristig den Einstieg in eine intensivere Tätigkeit ermöglichen", ruft Krebs in Erinnerung. Tatsächlich sieht er bei den Minijobs eher einen "Klebe-Effekt": Die Menschen blieben in der geringfügigen Beschäftigung hängen.

Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro?

Eine Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro hieße, dass auch Menschen in geringfügiger Beschäftigung Anspruch auf Arbeitslosengeld und Kurzarbeitergeld hätten. Sie würden zwar nur einen Teil des bereits geringen Gehalts beziehen, Tom Krebs erhofft sich von der Umstellung aber eine Verbesserung über einen Umweg. "Ohne die harte Grenze bei 450 Euro ist zu erwarten, dass mehr Menschen ihre Arbeitszeit und damit ihren Verdienst erhöhen. Und dann steigen auch die Leistungen aus der Sozialversicherung."

Bleibt die Frage, ob diese Reformidee auch bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern Gefallen findet. Gastwirt Wiezorrek jedenfalls fürchtet dann noch größere Schwierigkeiten bei der Suche nach Personal. Minijobs seien gerade deshalb für Beschäftigte attraktiv, weil es keine Abzüge vom Lohn gebe. Ökonom Krebs hält dem entgegen, dass nach seinem Modell bei einem Verdienst von 450 Euro gerade einmal 20 Euro Abgaben fällig würden.

So oder so: Einen Nebenjob als Aushilfe braucht Melanie Zobatschew in jedem Fall wieder. Irgendwann wird das Impfzentrum schließen. Dann will sie ein Studium beginnen und es mit dem Nebenjob finanzieren. Deshalb steht sie an zwei Abenden in der Woche wieder hinter dem Tresen. Die Bar, bei der sie ursprünglich jobbte, hat vor drei Wochen wieder aufgemacht. Es ist wieder ein Minijob.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Februar 2021 um 18:40 Uhr in der Sendung "Hintergrund".