Lkw auf einem Parkplatz | dpa

Bald britische Verhältnisse? Lkw-Fahrer dringend gesucht

Stand: 18.10.2021 08:12 Uhr

In Großbritannien führt der Mangel an Lkw-Fahrern zu leeren Supermarkt-Regalen - doch Experten warnen: Auch in Deutschland drohen solche Engpässe. Warum ist Nachwuchs so schwer zu finden?

Von Uli Scherr, br

Wenn sich Udo Lautenschlager hinter das Steuer seines Lkw setzt, um Container aus Regensburg ins niederbayerische Landau an der Isar zu transportieren, dann hat er Freude an seiner Arbeit. Der 60-Jährige ist leidenschaftlicher Berufskraftfahrer. Aber er sieht Schwarz, was die Zukunft angeht: Auch hier drohten bald britische Verhältnisse mit leeren Supermarktregalen und geschlossenen Tankstellen, fürchtet Lautenschlager.

"Das wird über kurz oder lang die nächsten fünf Jahre bei uns in Deutschland genauso passieren. Weil die Gesellschaft uns nicht anerkennt", sagt er. Lkw würden als "Stinker und Umweltverpester" gelten, und die Fahrer bekämen deshalb nicht den Respekt, den sie verdienten, beklagt Lautenschlager. Das schlechte Image sieht er als Hauptgrund für den Nachwuchsmangel in seinem Beruf.

Es fehlen bis zu 80.000 Fahrer

Mittlerweile fehlen Zehntausende Arbeitskräfte in diesem Beruf. Der Bedarf schwankt nach Einschätzung der unterschiedlichen Berufsverbände, Gewerkschaften und Kammern zwischen 45.000 und 80.000. Bis Ende des Jahrzehnts könnten es schon mehr als 185.000 sein, heißt es in einer Studie des Bundesverkehrsministeriums. Nach Angaben des Spitzenverbandes der deutschen Transportlogistiker BGL gehen bundesweit jedes Jahr rund 30.000 Kraftfahrer in Rente; gleichzeitig werden aber nur rund 17.000 neue Leute ausgebildet.

Bei der Ursachenforschung, warum sich so wenige Menschen auf den Beruf des Kraftfahrers einlassen wollen, sind sich Gewerkschaft und Kammern weitgehend einig: Die Löhne sind je nach Einsatzart unterdurchschnittlich, dafür gibt es unregelmäßige Arbeitszeiten, und die Arbeitsbedingungen gelten allgemein als schwierig.

Ohne Fahrer aus dem Ausland geht nichts

Auch deshalb ist die Branche auf die Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland angewiesen. So sei während der Corona-Pandemie beispielsweise die Grenzlandregion in Ostbayern den britischen Verhältnissen mit leeren Supermarkt-Regalen schon viel näher gewesen, als man sich vorstellen könne, sagt Manuel Lorenz, Logistik-Experte bei der IHK Regensburg.

Die Speditionen hier rekrutierten bis zu 60 Prozent ihres Personals aus dem Nachbarland Tschechien. Als in der Pandemie die tschechische Grenze auch für Tagespendler geschlossen wurde, war Lorenz nicht sicher, ob die Lkw-Fahrer noch zur Arbeit erscheinen könnten. "Wenn man dann die Logistik-Ketten kennt und weiß, welche Spedition für welchen Einzelhändler arbeitet: da habe ich auch schon an Hamsterkäufe gedacht, um das ganz offen zu sagen", sagt er.

Schlechte Bezahlung, schwierige Arbeitsbedingungen

Mehr als drei Viertel aller Kraftfahrer in Deutschland arbeiten im Niedriglohnbereich, kritisiert die Gewerkschaft ver.di. Der durchschnittliche Einstiegslohn liegt der Gewerkschaft zufolge unter 1900 Euro monatlich. Lohnerhöhungen sind schwer zu realisieren, weil in der Logistik-Branche ein massiver Preiskampf stattfindet.

Dazu kommt, dass viele Fahrer unter Zeitdruck stehen. Die engen Terminpläne können sie mit legalen Mitteln oft nicht bewältigen. Also werden immer wieder Ruhezeiten missachtet oder sogar Fahrtenschreiber manipuliert. Polizeihauptkommissar Harald Beigel kennt viele solche Fälle aus der täglichen Praxis. Er ist Schwerverkehr- und Gefahrgut-Experte beim Polizeipräsidium Oberpfalz. Es passiert gar nicht selten, dass sich Lastwagenfahrer selber anzeigen - aus Verzweiflung. "Es kommt immer wieder vor, dass Lkw-Fahrer zu uns kommen und um eine Kontrolle bitten, weil sie von ihrem Unternehmer angewiesen sind, länger zu fahren als erlaubt", berichtet Beigel. "Weil sie dann diesen Weg wählen, um irgendwo eine Hilfestellung zu erhalten."

Lösung durch neue Technologien?

Dass die Kraftfahrer in naher Zukunft durch autonome Fahrassistenten abgelöst werden, glauben Branchenkenner nicht. Eine stärkere Verlagerung des Frachtverkehrs von der Straße auf die Schiene scheitert am Kapazitätsdefizit bei der Bahn. Ohne Berufskraftfahrer wird es also auch in Zukunft nicht gehen.

Die Gewerkschaft ver.di glaubt, dass die Lösung des Fahrermangels vor allem an der der Frage der Bezahlung hängt. Sowohl die Ausbildung als auch die Tätigkeit des Kraftfahrers müsse finanziell aufgewertet werden.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 15. Oktober 2021 um 06:39 Uhr.

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Moderation 18.10.2021 • 12:10 Uhr

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