Kräne ragen über Baustellen in der Hamburger Hafencity auf | dpa
Hintergrund

Wirtschaftswachstum So entstehen Konjunkturprognosen

Stand: 27.10.2021 11:48 Uhr

Wie stark wird die Wirtschaft in naher Zukunft wachsen oder schrumpfen? Diese Frage sollen Konjunkturprognosen beantworten. Doch wie kommen Forscher zu ihren Vorhersagen - und für wen sind sie wichtig?

Von Constantin Röse, ARD-Börsenstudio

Im Film sind Zeitreisen möglich: Bei "Zurück in die Zukunft" geht es mit einem Sportwagen als Zeitmaschine in die Zukunft und wieder zurück. Viel nüchterner geht es bei Wirtschaftsforschern zu. Ihre Zeitmaschine ist die Konjunkturprognose. Doch die habe ihre Grenzen, erklärt Timo Wollmershäuser. Er ist beim Münchner ifo-Institut für die Prognosen zuständig. "Wir sind keine Hellseher, wir können nicht in die Zukunft blicken", sagt er. Es sei nur möglich, Dinge fortzuschreiben, "von denen wir aus der Vergangenheit schon mal Erfahrungswerte hatten".

In der Praxis sieht das dann so aus: Wirtschaftsforschungsinstitute wie das ifo-Institut sammeln Daten von Unternehmen - zum Beispiel Produktionsdaten aus der Industrie oder Umsatzkennziffern aus dem Handel. Daraus errechnen sie in komplexen Modellen ihre Wirtschaftsprognose für das laufende oder das kommende Jahr.

Viele Faktoren erschweren genaue Prognosen

Doch diese Prognose ist mit großen Unsicherheiten behaftet - gerade jetzt in der Corona-Krise. Zuletzt mussten die Institute ihre gemeinsame Prognose nach unten korrigieren: Im Frühjahr sei man noch von einem Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent ausgegangen, im Herbst nur noch von 2,4 Prozent, sagt Wollmershäuser.

"Es war uns im Prinzip im Frühjahr nicht klar, wie sozusagen die längerfristigen Auswirkungen in der Corona-Krise sein werden", erläutert der Forscher. "Wir hatten immer nur den Blick auf das Schließen und Öffnen." Erst die Corona-Einschränkungen und dann die schnelle und starke Erholung der Wirtschaft - das hat weltweit zu großen Lieferschwierigkeiten bei Rohstoffen und Vorprodukten geführt. In vielen Unternehmen stehen die Maschinen immer wieder still.

Ifo-Konjunkturforscher Timo Wollmershäuser | dpa

"Wir sind keine Hellseher, wir können nicht in die Zukunft blicken" - ifo-Konjunkturforscher Timo Wollmershäuser Bild: dpa

Dass es zu solch gravierenden Problemen kommt, hatten Ökonomen nicht auf dem Schirm - sie wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Keine Seltenheit: Im Durchschnitt liegt der Prognosefehler, also die Abweichung der Vorhersage von der tatsächlichen Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, bei einem Prozentpunkt.

Auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank erstellt Prognosen für seine Bankkunden. Er ärgert sich auch mal, wenn er etwas daneben liegt. Trotz aller Kritik an den Konjunkturprognosen seien aber gerade große Unternehmen an den Daten interessiert, sagt Krämer. "Die Unternehmen schauen natürlich erstmal, was passiert in ihren eigenen Märkten, was machen ihre Kunden und wo gibt es da Veränderungen", so Krämer. "Aber natürlich müssen sie sich auch ein Bild darüber machen, wie die Konjunktur sich entwickelt, denn das wirkt ja auch auf ihr Geschäft ein."

Staat als wichtigster Kunde für Konjunkturprognosen

Wichtigster Kunde für die Wirtschaftsforscher ist der Staat. Denn die Konjunktur bestimmt maßgeblich, wie hoch die Steuereinnahmen ausfallen. Ein Prozentpunkt Unterschied kann sehr schnell einige Milliarden Euro mehr oder weniger in die Staatskasse spülen.

In Zukunft wollen die Wirtschaftsforscher noch mehr Daten sammeln, vor allem auch aus dem Alltagsleben. "Wir experimentieren derzeit zum Beispiel mit Stromdaten, Stromverbrauch, der täglich zur Verfügung steht", sagt ifo-Konjunkturexperte Wollmershäuser. Interessant für die Forscher sind auch Mobilitätsdaten in Echtzeit. Etwa, wie viele Menschen gerade mit ihren Smartphones in Geschäften einkaufen oder wie hoch das Lkw-Aufkommen auf den Straßen ist. Doch wie verlässlich diese Daten die Konjunktur beschreiben und der Zukunft wenigstens ein Stückchen näherkommen - darüber diskutieren gerade die Wirtschaftsforscher weltweit.

Steuerschätzung

Die Vorhersagen der Fachleute von Bund und Ländern, kommunalen Verbänden, Forschungsinstituten, Bundesbank und Statistischem Bundesamt sind Basis für die öffentlichen Haushalte. Der Arbeitskreis stützt seine Schätzungen auf gesamtwirtschaftliche Eckdaten der Bundesregierung. Über ein fest installiertes Prognoseinstrumentarium verfügt er nicht. Die Fachleute gehen jeweils mit einer eigenen Prognose für jede Einzelsteuer in das Treffen, die sie mit eigenen Methoden und Modellen erarbeiten. Im Laufe der Tagung einigen sie sich auf ein Ergebnis. Dieses wird dann traditionell vom Bundesfinanzministerium veröffentlicht.

Jeweils im Mai steht die "große Steuerschätzung" für das laufende und die vier folgenden Jahre an. Die "kleine Steuerschätzung" ist immer im November, im Vorfeld der Verabschiedung des Haushalts im Bundestag. Dann sagen die
Experten die Steuereinnahmen nur für das laufende und das kommende Jahr voraus.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Oktober 2021 um 11:00 Uhr.