Dunkle Regenwolken über den Hafenanlagen in Hamburg | dpa

Regierung ändert Prognose Boom erst im nächsten Jahr

Stand: 27.10.2021 11:48 Uhr

Statt 3,5 Prozent dürfte die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr nur um 2,6 Prozent wachsen, so die Bundesregierung in ihrer Herbstprognose. Für das kommende Jahr erwartet der scheidende Minister Altmaier aber einen Boom.

Lieferengpässe und die anhaltende Corona-Pandemie erweisen sich für die deutsche Wirtschaft als immer größere Belastung. Statt der noch im April erwarteten Wachstumsrate von 3,5 Prozent, dürften es nach der nun von der Bundesregierung vorgelegten Konjunkturprognose in diesem Jahr nur 2,6 Prozent werden. "Das Wachstum wird in diesem Jahr geringer ausfallen, als wir uns das alle vorgestellt haben", sagte der scheidende Wirtschaftsminister Peter Altmaier im ARD-Morgenmagazin.

Belastet werde die Wirtschaft dadurch, "dass viele Waren und Güter nicht ausgeliefert werden können, weil es in bestimmten Bereichen Rohstoffknappheit gibt". Auch der Anstieg der Energiepreise spiele eine Rolle. Boomen werde die Wirtschaft erst im kommenden Jahr, prognostizierte Altmaier. Die "Erwartung aller Experten" und Mitarbeiter in seinem Ministerium sei, dass das Wachstum dann bei über vier Prozent liegen werde, bevor sich die Zuwachsrate im Jahr 2023 bei 1,6 Prozent normalisiere. Konkret sagt die Bundesregierung für 2022 ein Wachstum von 4,1 Prozent voraus.

Zweigeteilte Lage

Die Voraussetzung dafür sei, dass Lieferketten international stabilisiert würden. Unter anderem müsse Deutschland dazu beitragen, dass derzeit fehlende Mikrochips "mehr und stärker produziert werden" - "auch in Europa". "Dafür muss die neue Bundesregierung Geld ausgeben", forderte der scheidende Minister.

Den Experten des Wirtschaftsministeriums zufolge ist die konjunkturelle Lage in Deutschland zweigeteilt: Einerseits habe sich die Stimmung der Dienstleister durch den Impffortschritt in den letzten Monat stark verbessert. "Der private Konsum ist im Moment die Triebfeder der wirtschaftlichen Erholung". Andererseits leide das Verarbeitende Gewerbe unter einer historisch einmaligen Knappheit an Vorleistungsgütern. "Das bremst die Industriekonjunktur insbesondere im dritten und vierten Quartal 2021 aus". Die Nachfrage nach deutschen Produkten auf den Weltmärkten bleibe aber nach wie vor hoch. Wenn sich die Lieferengpässe wie erwartet schrittweise auflösen, komme es im nächsten Jahr zu deutlichen Aufholeffekten.

Inflationsrate soll nächstes Jahr sinken

Auch bei der Inflationsrate rechnet die Bundesregierung mit einer Besserung. So dürfte die Teuerung in diesem Jahr zwar 3,0 Prozent betragen, im kommenden Jahr sei aber ein Rückgang auf 2,2 Prozent zu erwarten. 2023 dürfte die Inflationsrate dann auf 1,7 sinken und damit wieder unter der von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten Marke von zwei Prozent liegen. Grund für die zuletzt stark gestiegenen Preise sind nach Aussage von Altmaier die Lieferengpässe und die hohen Energiepreise. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Inflationsrate bereits zum Jahreswechsel 2021/22 wieder ein deutlich niedrigeres Niveau erreicht, da dann Sonderfaktoren, wie der Basiseffekt der befristeten Senkung der Umsatzsteuersätze, im zweiten Halbjahr 2020 wegfallen.

Die jedes Jahr im Frühjahr- und Herbst veröffentlichten Konjunkturprojektionen bilden die Grundlage für die Schätzungen des Steueraufkommens im Arbeitskreis "Steuerschätzungen". Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen orientieren sich bei der Aufstellung ihrer Haushalte an den prognostizierten gesamtwirtschaftlichen Eckwerten. Auch die Meldungen an die Europäische Union im Rahmen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes werden auf Grundlage der Projektionen erstellt.

Die Bundesregierung projiziert die Wirtschaftsentwicklung in der kurzen und mittleren Frist sowie das Produktionspotenzial. Diese Schätzungen sind Grundlage für die Berechnung der Obergrenze der jährlichen Nettokreditaufnahme nach der Schuldenregel gemäß Artikeln 109 und 115 des Grundgesetzes.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. Oktober 2021 um 11:00 Uhr.