Der Biergarten am Tegernsee in Rottach Egern ist voll besetzt. | picture alliance / SVEN SIMON

Dienstleister profitieren Deutsche Wirtschaft überraschend robust

Stand: 22.04.2022 14:40 Uhr

Trotz Inflation und Ukraine-Krieg hat die deutsche Wirtschaft kaum an Fahrt verloren. Die Eurozone gewinnt sogar Schwung. Vor allem Dienstleister florieren - aber für eine Entwarnung ist es zu früh.

Die deutsche Wirtschaft hat im April trotz steigender Inflation und hoher Unsicherheit durch den russischen Krieg gegen die Ukraine kaum an Fahrt verloren. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft, also für Industrie und Dienstleister zusammen, sank zwar um 0,6 auf 54,5 Punkte, wie der Finanzdienstleister S&P Global mitteilt. Fachleute hatten aber einen deutlicheren Rückgang erwartet.

Das Barometer hält sich damit klar über der Marke von 50, von der an es ein Wachstum signalisiert. Die Daten werden durch eine monatliche Umfrage unter Hunderten Unternehmen ermittelt.

Dienstleister wichtige Konjunkturstütze  

Die Fachleute weisen auf einen bedenklichen Prozess hin: "Die Entwicklungen in Industrie und Dienstleistungssektor laufen zunehmend auseinander", kommentiert S&P-Global-Ökonom Phil Smith die Entwicklung. "Während der Servicesektor dank der zurückgehenden Corona-Restriktionen und der daraus resultierenden Aufholjagd weiter an Dynamik gewonnen hat, ist die Industrieproduktion wegen der Kombination aus erneuten Lieferunterbrechungen und rückläufiger Nachfrage nach Industrieerzeugnissen gesunken."

Das Wiedererstarken der Dienstleister sei zwar für den Moment eine wichtige Konjunkturstütze, "allerdings dürften das Ende der meisten Restriktionen und der damit verbundene Aufschwung das Wachstum nur vorübergehend ankurbeln", warnte Smith zugleich. Zudem sei nicht auszuschließen, dass ein längerer Abschwung in der Industrie nicht auch noch auf die Dienstleister überspringe.

Höchster Stand seit sieben Monaten

Noch positiver fallen die Daten der Eurozone aus. Die Wirtschaft hat im April trotz des russischen Angriffs auf die Ukraine sogar überraschend an Schwung gewonnen, der entsprechende Einkaufsmanagerindex stieg um 0,9 auf 55,8 Punkte, wie S&P Global mitteilte. Das ist der höchste Stand seit sieben Monaten.

In der Eurozone sieht die Entwicklung insgesamt ähnlich aus wie in Deutschland - es sei zu einer Wirtschaft der zwei Geschwindigkeiten gekommen, erklärt S&P-Global-Chefökonom Chris Williamson: "Die Industrieproduktion kam aufgrund anhaltender Lieferengpässe, steigender Preise und Anzeichen dafür, dass die Ausgabenbereitschaft durch die kriegsbedingte Risikoscheu beeinträchtigt wurden, annähernd zum Stillstand." Dagegen legten die Dienstleister, ausgelöst durch die Lockerungen der Corona-Restriktionen, merklich zu. Dabei wurde ein Rekordanstieg der Ausgaben für Reise- und Freizeitaktivitäten registriert.

Sorgen übertrieben?

Fachleute zeigten sich von den soliden Einkaufsmanagerindizes positiv überrascht. Die Daten würden darauf hindeuten, dass die Sorgen über die Auswirkungen des Ukraine-Krieges im letzten Monat vielleicht etwas übertrieben waren, meint Jessica Hinds, Analystin bei Capital Economics.

Marco Wagner, Analyst bei der Commerzbank, meint, dass die Rahmenbedingungen, die üblicherweise die Konjunktur bestimmen, sind nach wie vor gut seien. "Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, der vergleichsweise niedrig bewertete Euro unterstützt die Exportnachfrage, staatlicherseits stehen viele Investitionsprogramme bereit und trotz der bevorstehenden geldpolitischen Wende der EZB bleiben die Zinsen verhältnismäßig niedrig."

Christoph Swonke, Analyst bei der DZ Bank bleibt pessimistisch: "Der Gegenwind für die Konjunktur in Deutschland ist hoch und wird auch so schnell nicht nachlassen."

EZB wird skeptischer

Und tatsächlich bleibt die konjunkturelle Lage schwierig. Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte ihre Wachstumsprognose für die Eurozone aufgrund des Ukraine-Kriegs weiter senken. Die Risiken für das Wachstum seien abwärtsgerichtet, sagte EZB-Chefin Christine Lagarde gestern. Für die Inflation seien die Risiken hingegen aufwärtsgerichtet.

Zudem wies Internationalen Währungsfonds (IWF) darauf hin, dass ein längerer Abschwung in China deutliche Bremsspuren in der Weltwirtschaft hinterlassen würde. Die globalen Auswirkungen wären erheblich, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgieva. Derzeit lähmt Chinas Null-Covid-Strategie den Hafenbetrieb in Shanghai mit gravierenden ökonomischen Folgen.