Dunkle Regenwolken über den Hafenanlagen in Hamburg | dpa

Folgen des Krieges Düstere Aussichten für deutsche Wirtschaft

Stand: 04.03.2022 12:43 Uhr

Wie wirkt sich Russlands Krieg gegen die Ukraine auf die deutsche Konjunktur aus? Fachleute werden pessimistischer: Steigende Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck, Störungen der Lieferketten belasten Konzerne.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Mit der Verschlimmerung der Lage in der Ukraine und den bislang beschlossenen massiven Sanktionen gegen Russland deuten sich längst auch ernste Folgen für die deutsche Konjunktur an. "Der Russland-Ukraine-Krieg ändert die geopolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen insbesondere für Europa grundlegend", kommentiert die Deka-Bank die aktuelle Situation.

So sehen das auch andere Experten: Die Ratingagentur Scope senkte heute ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr. "Die Wachstumsaussichten Deutschlands verschlechtern sich, da die Auswirkungen des Russland-Ukraine-Konflikts die bestehenden Störungen in der Lieferkette und den Inflationsdruck verstärken", schreiben die Ökonomen. Scope erwartet jetzt nur noch ein Konjunkturplus von 3,5 Prozent statt zuvor 4,4 Prozent.

"Deutschlands exportorientierte Wirtschaft und die Abhängigkeit der Exporteure von internationalen Zulieferern impliziert, dass der Krieg in der Ukraine zu weiteren Störungen führen wird", so der Scope-Experte Eiko Sievert.

Direkte Handelseffekte überschaubar

Noch skeptischer sind die Fachleute der Bank M.M. Warburg, die ebenfalls gravierende negative Auswirkungen des Kriegs hierzulande erwarten. Sie reduzieren ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von plus vier Prozent auf nunmehr plus drei Prozent.

Die Experten beziffern die direkten Handelseffekte: Demnach hätten die Exporte nach Russland 2021 ungefähr 0,8 Prozent der nominalen Wirtschaftsleistung betragen. Brächen sie um 80 Prozent ein, würde sich laut M.M. Warburg isoliert betrachtet ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozentpunkten ergeben. "Allerdings wird Deutschland auch wesentlich weniger Güter aus Russland importieren, wodurch der Nettoeffekt auf etwa 0,4 Prozentpunkte abgemildert würde."

"Große tatsächliche Abhängigkeiten"

Aber gerade die indirekten Folgen aufgrund steigender Rohstoffpreise und Lieferkettenprobleme sind besonders problematisch, so die Fachleute von M.M. Warburg. Der Blick auf das gesamtwirtschaftliche Datenmaterial verschleiere die tatsächlichen Abhängigkeiten, meint auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.

"Der Krieg in der Ukraine zeigt einmal mehr, wie komplex die Produktionsprozesse in der Industrie sind. Die Ukraine mag aus gesamtwirtschaftlicher Sicht für Deutschland keine große Rolle spielen, doch kommen von dort Schlüsselbauteile für die Autobauer. Fehlen sie, stehen Fließbänder in einer der zentralen deutschen Industrien still“, meint der Ökonom.   

Drohender Schock durch Rohstoffpreise

Im schlimmsten Fall schließen Experten selbst eine schrumpfende Wirtschaft nicht aus: Das wirtschaftliche Risikoszenario liege in einer weiteren und länger andauernden Eskalation mit nochmals schärferen Sanktionen zwischen dem Westen und Russland, heißt es von der Deka-Bank. "Insbesondere ein abruptes Aussetzen von Rohstofflieferungen könnte in Westeuropa eine kurzzeitige Rezession auslösen."

Auch Ralph Solveen, stellvertretender Chefvolkswirt der Commerzbank stellt fest, dass in einem solchen Fall die deutsche Wirtschaft trotz grundsätzlich "äußerst guter konjunktureller Rahmenbedingungen" in eine Rezession stürzen könne.