Mitarbeiter von thyssenkrupp im Stahlwerk in Duisburg | dpa

ifo-Konjunkturforscher "Erholung verschiebt sich"

Stand: 22.09.2021 13:32 Uhr

Nach der OECD hat auch das ifo-Institut seine Wachstumsprognosen für Deutschland nach unten revidiert. Grund sind die Lieferengpässe. Dabei spielt die Industrie hierzulande eine herausragende Rolle.

Die Erholung der deutschen Wirtschaft von der Corona-Krise wird schwächer ausfallen als Regierung und Ökonomen noch vor einigen Monaten erwartet hatten. Nach der OECD hat nun auch das Münchner ifo-Institut seine Wachstumsprognose auf 2,5 Prozent gesenkt. Das sind 0,8 Prozentpunkte weniger als zuvor prognostiziert. "Die ursprünglich für den Sommer erwartete kräftige Erholung nach Corona verschiebt sich weiter", sagte ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Der plötzliche Anstieg der weltweiten Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern, elektronischen Artikeln sowie speziellen medizinischen Produkten habe viele Hersteller an ihre Kapazitätsgrenzen gebracht. "Zudem wurden die globalen Lieferketten als Folge stark veränderter Warenströme vor enorme logistische Herausforderungen gestellt", betonte Wollmershäuser.

Kräftiger Aufschwung im nächsten Jahr erwartet

Während die Produktion stockt, geht es den Dienstleistern wieder besser. Der Beschäftigungsaufbau dort habe sich im zweiten Quartal kräftig beschleunigt. "Die Konjunktur ist gespalten", sagte Wollmershäuser. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte dieses Jahr auf 2,6 Millionen und 2022 auf 2,4 Millionen sinken. "Auch die Kurzarbeit wurde spürbar abgebaut und wird im kommenden Jahr ihr Vorkrisenniveau erreichen", sagten die Wirtschaftsforscher voraus. Die Inflationsrate dürfte in diesem Jahr auf 3,0 Prozent steigen, für das kommende Jahr erwartet das Institut eine Teuerung von 2,3 Prozent.

Im kommenden Jahr dürfte sich auch die Industrie erholen und der gesamten Wirtschaft neuen Schwung verleihen. Für 2022 erwarten die ifo-Experten nun ein Wachstum von 5,1 Prozent, 0,8 Punkte mehr als zuletzt prognostiziert. Auch werde das Staatsdefizit - die Neuverschuldung von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen - von 157 Milliarden Euro in diesem Jahr auf 52 Milliarden zurückgehen. Für 2023 rechnen die Wirtschaftsforscher sogar mit einem ausgeglichen Staatshaushalt.

Die Chefvolkswirte der privaten Banken sind ebenfalls optimistisch für nächstes Jahr, sie sagen einen Konsumboom in Deutschland voraus. "Wir rechnen für 2022 mit einem Plus von sieben Prozent beim privaten Verbrauch", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB, Christian Ossig, zur Herbstprognose. "Das wäre mit Abstand der stärkste Anstieg seit der Wiedervereinigung." Das Zwangssparen durch Corona - als die Verbraucher während der Lockdowns nicht wie gewohnt shoppen konnten und Kultur- wie Freizeitangebote stark eingeschränkt waren - scheine vorbei zu sein. Die Nachholeffekte dürften bis ins nächste Jahr hinein tragen.

Schuldenquote niedriger als anderswo

Was bleibt, ist eine hohe Verschuldung. Der Bundesbank zufolge hat die Corona-Pandemie die deutschen Staatsschulden im vergangenen Jahr um 275 Milliarden Euro auf 2,332 Billionen Euro anschwellen lassen. In den Jahren zuvor waren dagegen Schulden getilgt worden. Die Schuldenquote, das heißt der Schuldenstand im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist damit im Jahr 2020 um 10,3 Prozentpunkte auf 70 Prozent gestiegen. "Dies ist der stärkste Anstieg der Schuldenquote innerhalb eines Jahres seit der Wiedervereinigung", so die Bundesbank. Ein Jahr zuvor hatte Deutschland mit 59,7 Prozent erstmals seit 2002 wieder den Referenzwert des Maastricht-Vertrages von 60 Prozent unterschritten.

Dennoch steht Deutschland damit im internationalen Vergleich immer noch besser da. So ist die Schuldenquote in Italien auf 155 Prozent der Wirtschaftsleistung geklettert. Auch in Frankreich (115 Prozent) und den USA (131 Prozent) übersteigt die Verschuldung die Wirtschaftsleistung. Die Zahlen zeigen, dass die Steuereinnahmen in diesen Staaten nicht ausreichen, um die nötigen Ausgaben und Investitionen zu finanzieren. Die Länder müssen sich also Geld leihen.

Noch immer eine Industrienation

Droht der deutschen Wirtschaft nach den goldenen Jahren zwischen 2010 und 2019 der Abstieg? Das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" hat dieser Tage dem Standort Deutschland ein fatales Zeugnis ausgestellt und ganzen Industriebranchen wie den Autoherstellern große Probleme vorhergesagt. Dabei sei es mehrheitlich die Industrie gewesen, die den Wohlstand Deutschlands in den vergangenen Jahren vermehrt habe.

Tatsächlich ist Deutschland im internationalen Vergleich immer noch eine Industrienation. Mit einem Umsatz von gut 2000 Milliarden Euro im Jahr 2020 ist es der viertgrößte Produzent von Industriegütern in der Welt. Im vergangenen Jahr betrug der Anteil des verarbeitenden Gewerbes und der Industrie an der Wertschöpfung (BIP) 19,7 Prozent, vor Japan (19 Prozent) und deutlich vor den USA (11,1 Prozent), Frankreich (10,5 Prozent) oder dem Vereinigten Königreich (9,3 Prozent). 6,2 Millionen Menschen sind unmittelbar in der Industrie beschäftigt. Weil auch viele unternehmensnahe Dienstleistungen von der Industrie abhängen, gehen Experten davon aus, dass 40 Prozent der Wertschöpfung direkt und indirekt von der Industrie erbracht werden. "Hier arbeiten die Menschen, die den Laden am Laufen halten", sagte Evonik-Chef Christian Kullmann der "FAZ".

Erdrückende Steuerlast

Die meisten Arbeitnehmer müssen allerdings mit einer erdrückenden Steuer- und Abgabenlast leben. So muss ein Durchschnittsverdiener in Deutschland fast die Hälfte seines Bruttolohns (49 Prozent) abgeben. Nur in Belgien (51 Prozent) ist die Quote noch höher. Zum Vergleich: in der Schweiz beträgt die durchschnittliche Abgabenlast 22,1 Prozent, in den USA sind es 28,3 Prozent. Bei der Steuerbelastung liegt Deutschland mit 29,9 Prozent im internationalen Vergleich sogar an der Spitze, noch vor Japan und Italien.

Das Land hat aus Sicht der Unternehmen auch andere Schwächen: Neben dem hohen Lohnsteuersatz kritisieren Wirtschaftsverbände und Ökonomen die bürokratischen Hürden und die damit verbundenen Kosten als deutlich zu hoch. Der Verband der chemischen Industrie VCI beziffert die jährlichen Bürokratiekosten auf mehr als 50 Milliarden Euro. Ein weiteres Manko aus Sicht der Industrie ist die mangelnde Bonität der heimischen Banken und deren zersplitterte Struktur. Große Schwächen habe das Land auch im digitalen Bereich.