EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Gespräch mit Italiens Ministerpräsident Mario Draghi | EPA

Wiederaufbaufonds der EU Wofür Italien die Corona-Hilfen ausgibt

Stand: 24.06.2021 11:28 Uhr

Italien erhält mehr als 191 Milliarden Euro aus dem EU-Wiederaufbaufonds. Die Regierung will damit Frauen ohne Job helfen und die Verwaltung digitalisieren. Doch viele fürchten auch, dass die Mafia profitieren könnte.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

Während des Lockdowns hat Giulia Baldussi ihre Arbeit verloren. Als Kostümassistentin und Schneiderin arbeitete die 31-jährige Römerin beim Film. Nun schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch. "Das ist ganz normal", sagt sie. "Leider. Wir sind so sehr an diese Unsicherheit gewöhnt, dass es uns fast schon schwer fällt, uns eine unbeschwerte Situation vorzustellen. Es käme einem komisch vor."

Elisabeth Pongratz ARD-Studio Rom

Vor allem Frauen sollen profitieren

Zur Unterstützung von Frauen wie Giulia sollen viele Gelder des Wiederaufbaufonds der EU verwendet werden. Schon vor der Pandemie war nur jede zweite Italienerin berufstätig. Jetzt haben gerade viele junge Frauen keinen Job mehr, da sie häufig in Bereichen arbeiten, die von der Krise stark getroffen wurden: Hotels, Restaurants, Tourismus. 

Nun soll in eine bessere Ausbildung investiert werden, etwa an den Unis und mit mehr Stipendien. Frauen, die ein Unternehmen gründen wollen, erhalten Hilfe. Auch junge Menschen sollen mehr Chancen durch speziell geförderte Jobs bekommen - zuletzt lag die Jugendarbeitslosigkeit in Italien bei fast 34 Prozent.

Digitaler, ökologischer, gerechter

Die mehr als 191 Milliarden Euro, die Italien als Zuschüsse und Darlehen bekommt, sollen das Land digitaler, ökologischer und sozial gerechter machen, das hat sich die Regierung unter Mario Draghi vorgenommen.

"In den kommenden Monaten haben wir einen anspruchsvollen Weg vor uns, um die geplanten Investitionsprojekte zu starten und die Reformagenda voranzutreiben", sagte Draghi. Die Augen Europas seien auf Italien gerichtet. "Der Erfolg des EU-Programms der nächsten Generation hängt weitgehend von uns ab."

Strukturen lähmen das Land seit langem

Die Justiz, die Verwaltung und das Steuersystem sollen reformiert werden. Die behäbigen Strukturen lähmen schon seit langem die Wirtschaft und das ganze Land. Mehr als ein Viertel der EU-Gelder sind für den digitalen Umbau geplant, etwa für flächendeckend schnelles Internet. Milliarden sind auch für erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit eingeplant, angedacht sind Solar- und Wasserstoff-Projekte.

Viel Geld soll der Süden bekommen, der wirtschaftlich besonders abgehängt ist. Von dem Recovery-Fonds erhoffen sich viele einen Modernisierungsschub für das ganze Land. Gleichzeitig geht die Angst um, die Gelder würden in dunklen Kanälen landen, wie etwa bei der Mafia. 

"Wir sind wirklich sehr besorgt. Auf der einen Seite hat die Mafia sehr viel Geld, das sie waschen muss", sagt die Rechtsanwältin Enza Ronda. "Auf der anderen Seite ist es für sie wichtig, dass sie sich die vielen öffentlichen Mittel sichert, besonders in einigen wichtigen strategischen Sektoren wie etwa im Gesundheitswesen."

Gefahr durch organisierte Kriminalität

Ronda engagiert sich als Vizepräsidentin bei der Anti-Mafia-Organisation "Libera". Die Gefahr durch kriminelle Organisationen wie die Ndrangheta, die Camorra oder die Cosa Nostra sei immens - aber nicht allein in Italien, warnt Ronda: "Was uns sehr beunruhigt, ist Europa, denn hier gibt es einen Mangel an Gesetzen. Das hat vielerlei Gründe, auch historische. Weil man vielleicht gar nicht auf die Idee kam, dass es hier eine Mafia geben würde", sagt sie.

Die Mafia sei auch in einigen Gebieten außerhalb Italiens aktiv, wie etwa in Deutschland. "Denken Sie an die Mafiamorde von Duisburg. Doch heute hat es die Mafia nicht mehr nötig, sich mit solchen gewaltigen Ereignissen zu zeigen. Es ist die Korruption, die uns Sorgen macht."

Gerade Italien habe damit eine lange Erfahrung. Wichtig sei die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Behörden, um sich bei verdächtigen Entwicklungen sofort abzustimmen. Und Kontrollen: Nur damit lasse sich verhindern, dass die Mafia bei bestimmten Projekten einsteigen kann und die EU-Gelder bei ihr landen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juni 2021 um 08:00 Uhr.