Eine von BP betriebene Ölraffinerie mit einer riesigen amerikanischen Flagge in Wilmington (Kalifornien, USA) | picture alliance / imageBROKER
Hintergrund

Billionen für die Konjunktur Droht der US-Wirtschaft die Überhitzung?

Stand: 31.05.2021 18:01 Uhr

Noch höher als in Deutschland ist die Inflation in den Vereinigten Staaten. Dort steigen die Verbraucherpreise so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wie groß sind die Parallelen zur US-Inflationswelle der 1970er-Jahre?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Auch wenn die Verbraucherpreise in Deutschland seit Monaten steigen und im Mai den höchsten Wert seit September 2011 erreicht haben, sorgt aktuell die steigende Inflationsrate in den USA für deutlich mehr Gesprächsstoff - und nicht nur an den Börsen für Unruhe. Angesichts billionenschwerer Konjunkturprogramme von US-Präsident Joe Biden und der lockeren Geldpolitik der Notenbank Fed verweisen einige Beobachter gar auf die 1970er-Jahre, in denen die Preise phasenweise geradezu explodierten.

Für so ziemlich alle wichtigen Güter mussten Verbraucher in den Vereinigten Staaten zuletzt tiefer in die Tasche greifen. So stiegen die Konsumentenpreise auf Basis des für die Fed wichtigen PCE-Index im April um 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie das Bureau of Economic Analysis Ende vergangener Woche mitteilte. Die Kernrate, die die schwankungsanfälligen Preise von Lebensmitteln und Energie herausrechnet, sei ebenfalls auf 3,1 Prozent geklettert - der höchste Wert seit 1994.

Preisschub löst Sorgen aus

Dieser kräftige Preisschub löst schon länger Befürchtungen aus, dass die Inflation in den USA aus dem Ruder laufen könnte. Die größte Volkswirtschaft der Welt wächst rasant, denn dank der Impfkampagne normalisiert sich das Wirtschaftsleben wieder. Zudem steigt die Nachfrage nach Rohstoffen wie Rohöl, was die Energiepreise nach oben treibt. Doch ist das vergleichbar mit den Siebzigern?

Damals drängte US-Präsident Richard Nixon aufgrund der hohen Kosten des Vietnamkriegs und umfassender Sozialreformen die Zentralbank trotz erhöhten Inflationsdrucks zu einer wenig aggressiven Politik mit niedrigen Zinsen, um die in der Rezession steckende Wirtschaft anzukurbeln. Die dadurch ausgelöste hohe Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen sorgte für steigende Löhne und Verbraucherpreise. Dazu kamen zahlreiche Preisschocks durch die Ölkrisen. Es folgte eine sogenannte Stagflation - also die Kombination von Konjunkturkrise und hoher Teuerung - mit Firmenpleiten und Massenentlassungen.

Dennoch blieb die Geldpolitik weiter expansiv, da die Regierung ehrgeizige Beschäftigungsziele verfolgte. Die Folge: Nachdem die Inflation 1964 laut Daten der Federal Reserve Bank of St. Louis noch bei lediglich einem Prozent lag, waren es zehn Jahre später zwölf und 1980 fast 14,5 Prozent.

US-Wirtschaft mit Geld überflutet

Von 14,5 Prozent ist die heutige Inflationsrate meilenweit entfernt. Zudem wurden die Zentralbanken in den vergangenen Jahrzehnten für unabhängig erklärt, um die staatliche Einflussnahme auf die Geldpolitik einzudämmen.

Nichtsdestotrotz warnen Ökonomen vor Gefahren durch das erneute Zusammenwirken der Politik und der Notenbank. "Der Geist, der die gemeinsame Ausrichtung der Haushalts- und Geldpolitik bestimmt, erinnert sehr an das, was die große Inflation der 1970er Jahre auslöste", warnte etwa Peter Ireland vom Boston College gegenüber Reuters.

Seit Beginn der Corona-Krise überfluten die US-Regierung und die Notenbank die US-Wirtschaft mit Geld. Nach Berechnungen der Privatbank Donner & Reuschel wurden Konjunkturpakete in Höhe von mehr als 5,3 Billionen Dollar auf den Weg gebracht. Gerade im Weißen Haus eingezogen, schob Biden ein 1,9 Billionen Dollar schweres Rettungsprogramm an, was fast einem Zehntel der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.

Zudem plant der US-Präsident ein Infrastrukturprogramm von mehr als zwei Billionen Dollar und ein Paket zur Stärkung amerikanischer Familien, das über zehn Jahre laufen und ein Volumen von 1,8 Billionen Dollar haben soll. Am Freitag legte er schließlich den ersten vollen Haushaltsentwurf seiner Amtszeit vor: Sechs Billionen Dollar will er im kommenden Jahr ausgeben - ein Anstieg der Ausgaben von knapp 37 Prozent gegenüber 2019.

Ein "zu gefährlicher Cocktail"

Parallel wirft auch die Fed mit Geld um sich und will weiterhin für 120 Milliarden Dollar monatlich Wertpapiere kaufen. Die Geldspritzen sollen dazu beitragen, die rund acht Millionen in der Pandemie verloren gegangenen Jobs zurückzugewinnen. Die Zahl der neu geschaffenen Stellen lag im April deutlich unter den Erwartungen, noch immer fehlen 7,5 Millionen Jobs zum Vorkrisenniveau. Auch der Leitzins von nahe Null soll vorerst nicht angehoben werden.

Auf Dauer wäre die aktuelle Kombination einer extrem lockeren Geldpolitik mit einer äußerst expansiven Fiskalpolitik ein "zu gefährlicher Cocktail", mahnte kürzlich Ökonom Friedrich Heinemann von Mannheimer ZEW. "Die damit verbundenen Risiken für die Preis- und Finanzstabilität kann die Fed nicht akzeptieren."

Auch namhafte internationale Experten wie der ehemalige Finanzminister Larry Summers oder der Ex-IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard fürchten eine Überhitzung der Wirtschaft - und ein zu spätes Umdenken der Notenbank.

Nur kurzfristige Effekte?

Die US-Währungshüter sehen dagegen mit Blick auf die Vergangenheit kein erhöhtes Risiko. Fed-Chef Jerome Powell betonte kürzlich, es werde trotz der sperrangelweit geöffneten Geldschleusen kein Zurück zu den "schlechten alten Tagen" der 1970er-Jahre geben, da sich die Wirtschaft seitdem strukturell tiefgreifend verändert habe.

Die fiskalischen Anreize und die Engpässe in der Produktionskette sind nach Ansicht der Fed nur vorübergehend, sodass die Inflation im Jahresverlauf wieder zurückgehen werde. "Ich erwarte, dass das noch einige weitere Monate anhält und rechne mit hohen Jahresteuerungsraten bis zum Ende dieses Jahres", sagte auch US-Finanzministerin Janet Yellen zuletzt im Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses. Zudem verweist das Weiße Haus auf sogenannte Basiseffekte. Die niedrigen Vergleichswerte aus dem Jahr 2020, als die Preise durch die Krise eingebrochen waren, verzerrten das Bild.

Die Experten der Schweizer Bank Julius Bär sind ähnlicher Meinung. Nach Ansicht von Chefvolkswirt David Kohl ist der starke Anstieg der Inflationsrate nicht nachhaltig, denn 80 bis 90 Prozent der Gründe des Anstiegs seien vorübergehender Natur. Die Entwicklung sei nicht wirklich außergewöhnlich und es sei typisch, dass es nach Krisen zu Angebotsengpässen komme.

Keine rationalen Erklärungen für langfristigen Trend

Auch strukturelle Gründe sprechen gegen einen Aufwärtstrend der Preise. Die lange unterstellten positiven Zusammenhänge zwischen Geldmenge und Inflation gelten heute offensichtlich nicht mehr, wie der ehemalige "Wirtschaftsweise" Bert Rürup im "Handelsblatt" erklärte. Das hätten auch die Notenbanken verstanden und würden daher vor allem auf Kommunikation (Forward Guidance) setzen, um die Erwartungen und damit die Inflation zu steuern.

Zudem lande das Geld von Notenbanken nicht zwangsweise in der Realwirtschaft und eine Überlastung der Wirtschaft durch staatliche Konjunkturprogramme lasse sich nur schwer messen. Dennoch sollten die Notenbanken vorsichtig sein, so Rürup, denn das Zusammenspiel von expansiver Geld- und Fiskalpolitik könne die Erwartungen der Wirtschaftsakteure in die Höhe schießen lassen - trotz fehlender rationaler Erklärungen.

Tatsächlich zeigen sich die Verbraucher in den USA bereits verunsichert, wie aus einer Umfrage der Universität Michigan hervorgeht. Die Bürger rechnen laut der Studie mit einem Anstieg der Jahresinflation auf 4,6 Prozent. Laut Michigan-Ökonom Richard Curtin schätzen sie auch wegen der explodierenden Holzpreise die Kaufbedingungen für Häuser so schlecht ein wie seit Beginn der 1980er-Jahre nicht mehr.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Mai 2021 um 12:00 Uhr.