Auf dem Kassenbon eines Discounters sind Preise für verschiedene Lebensmittel zu lesen. | dpa

Soziale Folgen der Teuerung Wen die Inflation mit aller Wucht trifft

Stand: 27.06.2022 07:20 Uhr

Die stark steigenden Preise belasten viele Firmen gerade im Mittelstand stark. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Absturz ist groß. Für Geringverdienerfamilien reicht das Geld schon jetzt oft nicht.

Von Jörn Kersten, SR

Großeinkauf für das Kinderhilfswerk Arche in Potsdam: Einmal im Monat besorgt Christoph Olschewski Nachschub an Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs für Familien mit knappem Einkommen. Die Preise im Großmarkt sind dramatisch gestiegen.

Zu Corona-Zeiten, "als wir unsere Familien mit Lebensmitteln versorgt haben, da lagen die Preise ganz oft bei Einkäufen bei 800 oder 900 Euro vielleicht auch 1000", sagt Olschewski. Jetzt zahle er für den gleichen Einkauf 1500 Euro.

Armut trotz Jobs

Die Zahl der Familien, die angesichts der gestiegenen Preise nicht mehr über die Runden kommen, ist deutlich gewachsen. Olschewski sieht immer mehr Familien, die nicht von klassischen Transferleistungen leben, sondern berufstätig sind - bei denen das Geld aber dennoch hinten und vorne nicht reicht.

Dazu zählen auch Nadine Sommer und ihre Familie. Vier Kinder muss sie ernähren, ihr Mann arbeitet im Wachschutz. Sie hat einen 450-Euro-Job. Damit kommt die sechsköpfige Familie heute nicht mehr über die Runden.

 

Zweistellige Teuerungsraten bei Lebensmitteln

Geringverdiener sind von Preissteigerungen am härtesten betroffen. Bei fast allen Lebensmitteln ist die Teuerungsrate inzwischen zweistellig. Teigwaren kosteten im Mai fast 22 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, Mehl 33 Prozent und beim Speiseöl waren es 65 Prozent und mehr - falls man überhaupt welches bekommt.

Das trifft auch mittelständische Betriebe mit voller Wucht. Im brandenburgischen Teltow kämpft Bäckermeister Thomas Neuendorff mit dem Preisschub. Im Monat backt er rund 1500 Käsetorten und beliefert damit die Hauptstadt. Der Quarkpreis, klagt er, habe sich von 1,00 Euro auf 1,70 Euro erhöht. Bei Sahne müsse er eine Preiserhöhung von über 120 Prozent verkraften. Das mache hochgerechnet aufs Jahr Mehrkosten nur für Sahne von etwa 22.000 Euro allein in seiner Backstube. "Insgesamt - mit allen Erhöhungen Stand heute - haben wir Mehrkosten von insgesamt 250.000 Euro jährlich", sagt Neuendorff.

Dabei schlagen auch die Energiepreise voll ins Kontor. Erst Anfang des Jahres hatte Neuendorff einen vermeintlich sparsameren Gasofen in Betrieb genommen, nun laufen ihm die Kosten davon. Er hofft auf Unterstützung für seinen energieintensiven Betrieb.

Wer liefert bald das Gas?

Bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) spiegeln sich die Sorgen des Bäckers aus Brandenburg in den monatlichen Befragungen der Förderbank wider. KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib beobachtet, "dass die Einschätzung der Geschäftslage im deutschen Mittelstand sogar relativ stabil trotz des Ukraine-Kriegs ist". Allerdings seien die Erwartungen der Geschäftstätigkeit regelrecht abgestürzt. "So einen großen Unterschied zwischen aktueller Lage und Erwartungen haben wir bisher noch nicht gesehen." Die Angst vor dem Absturz sei riesengroß.

Hinzu kommt, dass Bäckermeister Neuendorff ab 1. Januar 2023 noch keinen Gasversorger hat und auch nicht weiß, zu welchem Preis er dann Gas bekommt. "Früher wurden so energieintensive Betriebe wie ich mit Kusshand genommen von den Energieanbietern", sagt Neuendorff. "Aber mittlerweile, weil die auch nicht in die Glaskugel gucken können, werden sie überall abgelehnt."

Geringverdiener haben wenig Möglichkeiten

Ob Handwerksbetrieb oder Industrieunternehmen, Firmen in allen möglichen Branchen versuchen im Moment, der Preisexplosion bei Energie oder Rohstoffen etwas entgegenzusetzen. Geringverdiener und alle, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind, können das nicht.

Die sogenannten Entlastungspakete helfen den betroffenen Familien kaum, kritisieren Sozialverbände. Die Bundesregierung wiederum hält von einer unbürokratischen Unterstützung für Notlagen nichts. Sie verweist auf die beschlossenen Hilfen und das 9-Euro-Ticket. Und so müssen sich die Arche, die Tafeln und andere Organisationen auf viele neue Kunden einstellen. Spätestens, wenn die nächste Heizkostenabrechnung bei den Familien ankommt.

Über dieses Thema berichtete Plusminus am 22. Juni 2022 um 21:55 Uhr im Ersten.