Neue Wohnhäuser in Rostock-Warnemünde | picture alliance / Jens Büttner
Hintergrund

Inflation und Hauspreise Augen zu vor einer Immobilienblase?

Stand: 24.06.2021 16:47 Uhr

Die steigenden Hauspreise spiegeln sich bislang nicht in der Inflationsrate wider. Sie werden dort nämlich gar nicht berücksichtigt. Die EZB will das ändern - doch Experten geht dies nicht weit genug.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die Corona-Pandemie hat viele Bundesbürger in ihrem Wunsch nach den eigenen vier Wänden bestärkt. Das logische Resultat: Die Preise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser in Deutschland schnellten weiter in die Höhe. Dem Verband deutscher Pfandbriefbanken zufolge betrug das Plus im vergangenen Jahr 7,5 Prozent. Dieser Trend hat sich im laufenden Jahr nochmals verstärkt: Wohnimmobilien verteuerten sich im ersten Quartal um weitere 8,4 Prozent.

Mit Blick auf solche Statistiken dürfte sich nicht nur so manch neuer Hausbesitzer fragen, wie verlässlich die monatlich errechnete Inflationsrate überhaupt ist - und ob sie nicht viel zu niedrig angesetzt ist.

Sinneswandel bei Notenbankern

Tatsächlich werden Mieter und Hausbesitzer von EU-Statistikern ungleich behandelt. Während die Mieten bei der Berechnung der Inflationsrate berücksichtigt werden, fallen die Preise für selbstgenutzte Wohnimmobilien unter den Tisch. Die Europäische Zentralbank (EZB) will das nun ändern. Darauf sollen sich die Notenbanker jüngst auf einer Klausurtagung des EZB-Rats verständigt haben.

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, hält das für einen "absolut sinnvollen Schritt". "Die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum sind reale Kosten, die bei vielen Menschen anfallen", so Krämer gegenüber tagesschau.de. Wenn die Preise dafür steigen, dann sollte das auch in der Inflationsrate berücksichtigt werden."

Ob und wann es zu einem solchen Schritt kommt, ist allerdings noch unklar. Denn dafür sind politische Beschlüsse auf EU-Ebene notwendig, auf welche die EZB keinen Einfluss hat.

Zwei Prozent sind das Ziel

Konkret geht es bei den geplanten Änderungen übrigens nicht um den monatlich vom Statistischen Bundesamt erhobenen Verbraucherpreisindex, sondern um den so genannten "Harmonisierten Verbraucherpreis-Index" (HVPI), an dem sich die EZB für ihre Geldpolitik orientiert.

Preisstabilität ist dabei aus Sicht der Währungshüter bei einer jährlichen Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent erreicht. Zuletzt hatte der via HVPI gemessene Inflationsdruck in Deutschland merklich zugenommen und war im Mai auf eine Jahresrate von 2,4 Prozent gestiegen.

Nur geringer Effekt auf Inflationsrate

Sollten die Statistiker künftig die Preise für selbstgenutzte Immobilien bei der Berechnung der Inflationsrate berücksichtigen, würden dadurch die Inflationsraten in der Eurozone in jedem Fall besser international vergleichbar - etwa mit jenen der USA.

Der tatsächliche Effekt der Immobilienpreise auf die Inflationsrate dürfte sich allerdings in Grenzen halten: "Wir reden hier von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten", betont Commerzbank-Ökonom Krämer. "Die EZB würde das also nicht direkt zu einer Änderung ihrer Geldpolitik veranlassen."

Risiken durch Spekulanten

Dabei wäre das nach Meinung einiger Ökonomen durchaus angebracht, schlägt sich die ultralockere Geldpolitik der EZB doch zunehmend in steigenden Aktien- und Immobilienpreisen nieder. "Das kann zu einer Blase führen, deren Platzen sehr gefährlich ist für eine Volkswirtschaft", warnt Krämer.

Auch die Förderbank KfW macht mit Blick auf den Immobilienmarkt "Indizien für regionale Spekulationsblasen" aus. Laut der Bundesbank liegen die Preisübertreibungen in Städten bei 15 bis 30 Prozent.

Finanzstabilität genug berücksichtigt?

Jenseits der Frage, wie künftig die Inflationsrate berechnet wird, gibt es somit gute Gründe, warum die EZB in ihren geldpolitischen Entscheidungen auch die Preisentwicklung an den Finanz- und Immobilienmärkten berücksichtigen sollte. Commerzbank-Ökonom Krämer plädiert für eine "Strategie der umfassenden Stabilisierung", die nicht nur die Preisstabilität, sondern auch die Finanzstabilität im Auge behält.

Tatsächlich besteht mit Blick auf die Vermögenspreise - also die Preise etwa für Häuser, Aktien, Gold oder Betriebsteile - als alternatives Inflationsmaß schon lange deutlicher Inflationsdruck. Laut dem Index des Flossbach von Storch Research Institute sind diese Preise für solche Vermögenswerte, die sich in Besitz privater deutscher Haushalte befinden, zum Ende des ersten Quartals um 11,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen - und damit so stark wie noch nie seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2005.