Kran ragt über einer eingerüsteten Fassade eines Mehrfamilien-Neubaus auf | dpa

Aufschwung mit Preisanstieg Wenn der Boom auf Mangel trifft

Stand: 13.07.2021 08:23 Uhr

Obwohl die Pandemie noch nicht überwunden ist, springt die Wirtschaft wieder an - und kämpft nun mit Rohstoffmangel. Das treibt die Preise: Die Inflation steigt. Muss die Politik eingreifen?

Von Hans-Joachim Vieweger, ARD-Hauptstadtstudio

Erst wurde das Holz knapp, dann zahlreiche andere Baustoffe. Michael Hofmann weiß, wovon er spricht - er ist Zimmerermeister aus Gilching im Westen von München. "Es gibt Zimmerer und Dachdecker, die mittlerweile Kurzarbeit haben, weil das Material nicht zu beschaffen ist", berichtet er. "Besonders schwierig ist es im Bereich von Dämmstoffen, Hartschaumplatten, die teilweise Lieferzeiten von zwei, drei Monaten haben - oder noch länger."

Hans-Joachim Vieweger ARD-Hauptstadtstudio

Preisexplosion verursacht Probleme

Nach wie vor boomt der Bausektor, die Knappheit habe aber deutliche Folgen für die Preise, sagt Hofmann: "Im Verhältnis von Anfang März zu jetzt sind die Preise extrem gestiegen, so dass sich manche Leute die Frage stellen, ob sie überhaupt noch bauen können, weil es zu teuer geworden ist und die Materialien überhaupt nicht zu beschaffen sind." Hofmann weiß von einem jungen Ehepaar, das sich einen Bauplatz gekauft hat, den Hausbau aber wegen der aktuellen Preissteigerungen erst mal verschieben muss.

Aber nicht nur am Bau gibt es Probleme - bekannt sind auch die Lieferengpässe bei Halbleitern, die der Autoindustrie fehlen, und enorme Preissteigerungen für chemische Grundstoffe. Den FDP-Finanzpolitiker Otto Fricke erfüllt das mit Sorge: "Ich sehe halt auch, dass der Aufschwung, den wir nach der Corona-Krise dringend brauchen, durch so etwas verunsichert wird." Fricke sagt, er hoffe zugleich, dass der wesentliche Teil der aktuellen Teuerung mit Aufholeffekten nach dem Corona-Einbruch zusammenhänge.

Parallelen zur Finanzkrise

Ähnlich bewertet Thomas Obst vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft die Lage. Er zieht Parallelen zu den Jahren 2010 und 2011, den Jahren nach der Finanzkrise, als die Wirtschaft zunächst einbrach und sich dann wieder erholte; eine Phase, in der die Nachfrage nach vielen Gütern schnell steigt, das Angebot zunächst aber nicht so schnell mitkommt. Dann ziehen die Preise an, was zu zusätzlicher Produktion motiviert.

Die entscheidende Frage ist: Bleibt es bei kurzfristigen Effekten? Oder steigen die Preise dauerhaft? Hier müsse man je nach Branche unterscheiden, meint Obst: "Wir vermuten, dass die Bauindustrie besonders hohe Spielräume hat, weil schon vor Corona hier Engpässe geherrscht haben, aber zum Beispiel in der Dienstleistungsbranche weniger Spielraum besteht, die Preise zu überwälzen."

Warnung vor Preis-Lohn-Spirale

Das hieße: Entwarnung für die meisten Verbraucher - auch, wenn in den vergangenen Monaten eben nicht nur Baumaterialien, sondern auch Benzin, Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs teurer geworden sind. Fricke sorgt sich allerdings, dass die Politik darauf - aus seiner Sicht falsch - reagieren könnte: "Das Wichtige ist, das nicht jetzt zu beschleunigen, indem man sagt: 'Wir müssen stärkere Lohnrunden machen, wir müssen staatliche Ausgaben anpassen'", sagt er.

Was Fricke meint, ist die sogenannte Preis-Lohn-Spirale: Erst steigen die Preise, was die Kaufkraft belastet und daher eine Rolle bei den Tarifverhandlungen spielen kann. Dann steigen die Löhne, was die Kosten der Unternehmen erhöht, die wiederum versuchen könnten, die Preise weiter zu erhöhen.

Deshalb nur kein Öl ins Feuer gießen, warnt Fricke. Und auch aus dem Bundeswirtschaftsministerium heißt es, man beobachte die Preisentwicklung aufmerksam, sehe aber im Moment nicht die Gefahr, dass die Inflation einen normalen Rahmen verlässt. Auch, wenn man das in manchen Branchen wie am Bau derzeit kaum glauben kann.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 13. Juli 2021 um 09:10 Uhr.