Eine Euro-Münze in den Farben Europas | dpa

Inflationsrate im Juli Aufholeffekte steigern Preise

Stand: 11.08.2021 15:02 Uhr

Tanken und Lebensmittel haben sich spürbar verteuert. Die Inflationsrate liegt im Juli bei 3,8 Prozent. Eine anhaltend hohe Inflation zeichnet sich aber nicht ab.

Von Vincent Fachinger, HR

Das Statistische Bundesamt hat seine bisherigen Schätzungen zur Inflation im Juli bestätigt und gleichzeitig Details zur Entwicklung der Verbraucherpreise bekanntgegeben. Demnach stiegen die Energiepreise im Vergleich zum Juli des Vorjahres um 11,6 Prozent. Wer aktuell viel mit dem Auto unterwegs ist, wird dies bereits bemerkt haben: Die Preise für Benzin sind stark angestiegen. Lag der Benzinpreis Anfang des Jahres noch um die 1,30 Euro, zahlen Verbraucher nun für einen Liter Benzin bereits mehr als 1,50 Euro. Auch den Anstieg der Lebensmittelpreise haben viele Verbraucher bereits registriert - offiziell berichteten die Statistiker hier von einem Anstieg um 4,3 Prozent.

Diese Teuerungen spiegeln sich auch in der Inflationsrate wider. Demnach stiegen die Verbraucherpreise im Juli insgesamt um 3,8 Prozent. Im Juni lag diese noch bei 2,3 Prozent. Stärker seien die Verbraucherpreise zuletzt im Dezember 1993 gestiegen (4,3 Prozent), teilt das Statistische Bundesamt mit.

Teuerung nur ein vorübergehender Effekt

Im Juli 2021 war im Zuge der Wirtschaftsförderung nach dem Lockdown der Mehrwertsteuersatz vorübergehend von 19 auf 16 Prozent gesenkt worden. Seit Januar gilt wieder der höhere Satz. Das macht sich im Preisvergleich zwischen Juli 2020 und Juli 2021 stark bemerkbar.

Müssen Verbraucher nun mit einer anhaltenden Inflation rechnen? Bis Ende des Jahres werden weitere Preissteigerungen erwartet: "Die Teuerungsrate dürfte in den kommenden Monaten insbesondere wegen der Basiseffekte der temporären Mehrwertsteuersenkung und der Energiepreise noch etwas weiter anziehen", sagt Silke Tober, Expertin für Geldpolitik vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Im nächsten Jahr würden diese aber wieder geringer ausfallen.

Auch Simon Junker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) glaubt, dass die Preisschübe nicht besorgniserregend seien. Gründe für den starken Anstieg der Preisentwicklung seien vor allem der erhöhte Mehrwertsteuersatz sowie die höheren Ölpreise gewesen. "Ohne diese beiden Effekte beträgt die Inflation also lediglich etwa zwei Prozent", so Junker. Auch die Einführung der CO2-Abgabe dürfte die Preise beeinflusst haben. Die höhere Inflation ist also eine Art Aufholeffekt. Denn im vergangenen Jahr war die Inflation so niedrig wie kaum zuvor. Im Dezember 2020 wurden sogar deflationäre Tendenzen beobachtet, also sinkende Preise.

Lohn-Preis-Spirale droht nicht

Somit sei auch die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale aktuell nicht gegeben, sagen die Experten: "Alles in allem deutet derzeit nichts auf anhaltend hohe Inflationsraten hin", sagt Junker. Diese seien ein Phänomen in diesem Jahr, das sich vor dem Hintergrund der geringen Inflation des vergangenen Jahres als undramatisch erweise: "Beide Coronajahre 2020/21 zusammengenommen steigen die Preise im Durchschnitt um weniger als zwei Prozent - gemäß der EZB-Definition sind die Preise stabil", betont der DIW-Forscher.

Aus aktueller Sicht werde die Inflation auch noch im Jahr 2023 das Inflationsziel deutlich unterschreiten. Eine Zinskorrektur der EZB erwartet Expertin Tober daher nicht: "Angesichts der noch schwachen wirtschaftlichen Erholung und der Sondereffekte bei der Inflation ist eine geldpolitische Reaktion weder erforderlich, noch wäre sie sinnvoll." Dennoch merkt sie an: "Für die Verbraucher sind die aktuellen Preisschübe eine Belastung." Gerade Menschen mit einem niedrigeren Einkommen seien stark von Preissteigerungen bei Energie und Nahrungsmitteln betroffen und müssten daher ihren Konsum einschränken.

Schuldner profitieren

Da die steigenden Preise vorübergehende Effekte widerspiegeln, müssten sich etwa Verbraucher mit Indexmietverträgen jedoch keine großen Sorgen machen. Diese haben zwar in diesem Jahr einen überdurchschnittlichen Inflationsausgleich zu erwarten, im letzten Jahr sei dieser aber kaum nennenswert gewesen. Generell gelte: Wer "nun spürbarer betroffen ist, dürfte dafür im vergangenen Jahr stärker profitiert haben", betont Junker. Preise etwa für Lebensmittel sind zwar teurer geworden; Junker erwartet aber, dass im Mittel wohl auch die Reallöhne zulegen werden, auch wenn es unter dem Eindruck der Corona-Pandemie vorerst magere Zuwächse gegeben habe.

Profitieren dagegen dürften von dem unerwarteten Inflationsschub vor allem Schuldner - und damit auch der Staat, der sich jüngst mal wieder stärker verschuldet hat. Zudem implizieren moderate Preissteigerungen auch eine Erholung der Wirtschaft. Die Investitionstätigkeit nahm zuletzt wieder zu und auch der Konsum steigt. Das dürften bessere Nachrichten sein.

Über dieses Thema berichtet tagesschau24 am 11. August 2021 um 16:00 Uhr in den Wirtschaftsmeldungen.