US-Dollar

Preise steigen um fünf Prozent Höchste US-Inflation seit 2008

Stand: 10.06.2021 17:44 Uhr

In den USA sind die Verbraucherpreise so stark gestiegen wie zuletzt vor fast 13 Jahren - was vor allem Autokäufer zu spüren bekommen. Die Europäische Zentralbank erwartet eine stärkere Teuerung auch in den Euro-Ländern.

Ist es nur ein kurzfristiges Phänomen oder erlebt die Inflation jetzt ihr großes Comeback? In den USA wächst die Angst vor immer höheren Preisen. Manche ziehen schon Parallelen zu den 1970er-Jahren, als Präsident Jimmy Carter die hohe Inflation und die Jobmisere nicht in den Griff bekam. Zwar sind die USA noch wie von den damaligen zweistelligen Inflationsraten entfernt, doch die Preissprünge werden von Monat zu Monat größer.

Nachdem im April die Inflation über vier Prozent gestiegen war, kletterte sie nun im Mai auf 5,0 Prozent. Das ist die höchste Rate seit August 2008. Experten hatten lediglich mit einem Anstieg der Lebenshaltungskosten von 4,7 Prozent gerechnet. "Die gefürchtete Fünf ist Realität geworden", meinte der Marktbeobachter Thomas Altmann von der Investmentmanagement-Firma QC Partners.

US-Notenbank unter Druck

Der starke Zuwachs belege eindrücklich, dass der Preisschub im April kein Ausrutscher war, sagte LBBW-Analyst Dirk Chlench. "Die US-amerikanische Notenbank gerät damit zunehmend unter Druck, ihre Ansicht, dass die jüngsten Preissprünge nur temporärer Natur seien, zu überdenken."

Zum größten Inflationstreiber entwickelten sich wie schon im April die Preise für gebraucht Autos. Sie stiegen erneut kräftig - und machten laut dem US-Arbeitsministerium rund ein Drittel des monatlichen Preisanstieges aus.

Kerninflation auf höchstem Stand seit 1992

Besonders alarmierend ist die Kerninflation, die schwankende Komponenten wie Energie und Lebensmittel ausschließt. Sie kletterte im Mai um 3,8 Prozent. Einen derart starken Anstieg hatte es zuletzt 1992 gegeben. Im April hatte die Kerninflationsrate bei 3,0 Prozent gelegen.

Das Ende der Corona-Lockdowns und die billionenschweren Geldspritzen der US-Regierung treiben seit Monaten die Inflation in den USA. Prominente Ökonomen wie Larry Summers, Olivier Blanchard und Mohamed El-Erian warnen davor, die Gefahr zu unterschätzen. Nach Einschätzung von Blanchard könnten die hohen Ausgaben der Regierung unter US-Präsident Joe Biden zu einer Überhitzung der Konjunktur führen.

Nur ein vorübergehender Trend?

Noch betrachten die meisten Ökonomen den Trend jedoch mit Gelassenheit. Die Entwicklung beruht ihrer Ansicht nach vor allem auf temporären Faktoren. Der US-Dienstleistungssektor laufe vielerorts wieder im Normalmodus. Preise für Flugreisen und Hotelübernachtungen zögen wieder an und lägen deutlich über dem Vorjahresniveau, sagt Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank. "Es sind also einmal mehr sogenannte Basiseffekte am Werk." Gleichzeitig schlage nun auch der Mangel an Halbleitern zumindest indirekt auf die Konsumentenpreise durch. Gebe es wegen fehlender Halbleiter keine Neuwagen, wichen die Kunden auf Gebrauchtwagen aus. Diese hätten sich deutlich verteuert. Gitzel prophezeit, dass in den Sommermonaten das Preisniveau auf hohem Niveau langsam absinken werde.

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) geht nach eigenen Angaben aber davon aus, dass die Inflation nur vorübergehend anziehen wird. Denn im Vorjahresvergleich ergeben sich wegen des Konjunktureinbruchs im Corona-Jahr 2020 hohe Preissteigerungsraten. Deshalb sieht sich die Notenbank bisher nicht unter Druck.

Wenig Bewegung an der Wall Street

Die Wall Street reagierte kaum auf den neuerlichen Inflationsschub. Der Dow Jones zog um 0,6 Prozent an, der S&P 500 sprang sogar auf ein Rekordhoch. Der US-Dollar legte gegenüber dem Euro zu. Die Anleger rechnen also vorerst nicht mit einer Straffung der Geldpolitik in den USA.

Auch in der Eurozone sind die Geldschleusen weiter kräftig geöffnet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält an ihrem billionenschweren Anti-Corona-Krisenprogramm (PEPP) fest und will die Anleihenkäufe auch im nächsten Quartal noch ausweiten im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres. Damit will die Notenbank vermeiden, dass sich die Finanzierungsbedingungen für Firmen, Staaten und Privathaushalte verschärfen.

EZB erhöht die Inflationsprognose

Die steigende Inflation beunruhigt die Euro-Wächter kaum. Der höhere Euro dämpfe die Inflation, meinte EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Nichtsdestotrotz hob die EZB die Inflationsprognose an. Nach Einschätzung der Notenbank dürfte die Teuerung 2021 bei 1,9 Prozent liegen. Im März war die EZB noch von einem Anstieg von 1,5 Prozent ausgegangen. Für 2022 rechnen die Währungshüter mit einer jährlichen Preissteigerung von 1,5 Prozent und für das folgende Jahr unverändert mit 1,4 Prozent.

Eine zu hohe Inflation kann laut EZB zu einer Preisspirale führen. Höhere Preise bedeuten, dass Verbraucher für ihr Geld weniger Waren bekommen. Sie verlangen also höhere Löhne, um ihren Lebensstandard halten zu können. Um die höheren Löhne zu bezahlen, erhöhen Unternehmen wiederum die Preise für ihre Produkte weiter. Andererseits gelten dauerhaft niedrige Preise als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen aufschieben - in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird. Mittelfristig strebt die EZB eine jährliche Inflationsrate von knapp zwei Prozent an. In Deutschland liegt die Inflationsrate schon jetzt über diesem Niveau. Im Mai stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,5 Prozent, den höchsten Wert seit September 2011.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 10. Juni 2021 um 16:15 Uhr.