Druckbögen mit neuen 200-Euro-Scheinen | dpa

Psychologie und Wirtschaft Wenn Inflations-Angst die Inflation treibt

Stand: 20.10.2021 16:39 Uhr

Die deutschen Erzeugerpreise sind so stark in die Höhe geschnellt wie seit 1974 nicht mehr. Experten warnen derweil vor psychologischen Effekten: Werden hohe Inflationsraten zur selbsterfüllenden Prophezeiung?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die steigenden Preise für Energie und Vorprodukte lassen die Preise deutscher Hersteller von Rekord zu Rekord eilen. Im September schnellten die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte um 14,2 Prozent zum Vorjahresmonat in die Höhe - und damit so stark wie seit fast 47 Jahren nicht mehr.

Die Erzeugerpreise gelten als wichtiger Frühindikator für die Entwicklung der Inflationsrate, die im September erstmals seit knapp 28 Jahren die Vier-Prozent-Marke überschritt und sich Ökonomen zufolge in den kommenden Monaten in Richtung fünf Prozent bewegen dürfte.

Notenbanken mahnen zu Gelassenheit

Während Notenbanker immer wieder betonen, dass es sich bei den hohen Raten lediglich um ein vorübergehendes Phänomen handele, verging in den vergangenen Wochen kaum ein Tag ohne neue alarmierend klingende Inflations-Nachrichten. So titelte jüngst etwa die "Bild": "Inflation im Supermarkt - Die Horror-Liste der Preisexplosion".

Das dürfte nicht ohne Folge bleiben für die Inflationserwartungen der Unternehmen und Verbraucher - das glaubt zumindest das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Berliner Ökonomen warnen vor psychologischen Effekten.

"Höhere Inflationserwartungen könnten zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden und die tatsächliche Inflation ankurbeln", so Kerstin Bernoth, stellvertretende Leiterin der Abteilung Makroökonomie. Dazu trage gerade auch eine "alarmistische Berichterstattung" bei.

Risiko einer Lohn-Preis-Spirale?

Der dahintersteckende Mechanismus ist schnell erklärt: Steigen die Inflationserwartungen der Haushalte und Unternehmen, dann ziehen sie geplante Käufe vor. Die steigende Nachfrage treibt wiederum die Preise in die Höhe - und damit auch die tatsächliche Inflationsrate.

Höhere Inflationserwartungen führen aber auch zu höheren Lohnforderungen. "Dies könnte eine klassische Lohn-Preis-Spirale in Gang setzten", warnt DIW-Expertin Bernoth.

Mittelfristige Inflationserwartungen stabil

So plausibel dieser Mechanismus auch klingen mag: Bislang spiegelt sich die Gefahr steigender Inflationserwartungen in den vom DIW zitierten Zahlen nicht so recht wider. Die mittelfristigen Erwartungen lägen bisher nahe am Inflationsziel bei nahe zwei Prozent, räumen die Experten ein: "Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der derzeit zu beobachtende Anstieg der Inflation im Euroraum noch keine Auswirkungen auf die mittelfristigen Inflationserwartungen hat und von diesem Aspekt bisher kein nennenswerter Inflationsdruck ausgeht."

Besteht also kein Grund für die Warnung der Ökonomen? Tatsächlich könnten die stabilen Inflationserwartungen, von denen das DIW berichtet, auch mit der Art der Datenerfassung zu tun haben. So bezieht sich das Berliner Institut auf den "Survey of Professional Forecasters", für den die Europäische Zentralbank (EZB) vierteljährlich rund 60 Experten zu ihren Einschätzungen der Inflationsentwicklung der nächsten ein bis fünf Jahre befragt.

Bundesbank befragt Bürger

Die Erwartungen der Experten könnten indes von den Erwartungen der Haushalte und Unternehmen abweichen. So wundert es nicht, dass die Bundesbank bei den von ihr erhobenen Inflationserwartungen zu einem ganz anderen Ergebnis kommt; sie befragt 2000 repräsentativ ausgewählte Bürger.

Demnach sind die Inflationserwartungen der Privatpersonen in Deutschland für die nächsten zwölf Monate im September erneut gestiegen und liegen nun im Mittel bei 3,9 Prozent. Zum Vergleich: Im November 2020 bezifferte die Bundesbank die Inflationserwartungen noch auf 2,5 Prozent.

Offenbar ist die Warnung der DIW-Experten vor möglicherweise steigenden Inflationserwartungen also alles andere als weit hergeholt. Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nahm seine heutige Rücktrittsankündigung als Anlass für erneute mahnende Worte: Es sei wichtig, auf die Inflationsgefahren zu achten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 21. November 2021 um 08:07 Uhr.