An einem ID.3 wird der Unterboden montiert.  | dpa

Lieferprobleme und Chipmangel Industrieaufträge brechen ein

Stand: 06.10.2021 10:24 Uhr

Nach dem kräftigen Anstieg im Juli und Juni hat die deutsche Industrie im August deutlich weniger Aufträge erhalten. Grund sind offenbar die gestörten Lieferketten.

Die Lieferkettenprobleme und der allgemeine Materialmangel treffen die deutsche Industrie mit voller Wucht. Im August hat sie 7,7 Prozent weniger Aufträge eingesammelt als im Juli, wie das Statistische Bundesamt vermeldet. Allerdings folgt dieser überraschend deutliche Rückgang auf kräftige Anstiege in den Vormonaten Juli 2021 (plus 4,9 Prozent) und Juni 2021 (plus 4,6 Prozent), die durch Großaufträge im Flugzeug- und Schiffbau zustande kamen. Ohne Berücksichtigung dieser Bestellungen in den Vormonaten ergibt sich für den August einen Rückgang der Industrieaufträge von 5,1 Prozent.

Autoindustrie unter Druck

Besonders unter Druck geraten ist die Autoindustrie. Hier brachen die Aufträge im August um zwölf Prozent ein, was sich aufgrund der dominierenden Stellung der Branche im verarbeitenden Gewerbe Deutschlands auf die Gesamtstatistik auswirkt. "Derzeit können Millionen Autos nicht gebaut und ausgeliefert werden, weil Halbleiter fehlen", erklärte EY-Automobilmarktexperte Peter Fuß. Produktionsausfälle bei Autoherstellern führten zu stornierten Bestellungen bei Zulieferunternehmen. "Inzwischen ist es ausgeschlossen, dass wir in diesem Jahr auch nur in die Nähe des Vorkrisenjahres 2019 kommen - tatsächlich wird der Absatz sogar niedriger liegen als im Corona-Jahr 2020," so Fuß.

Die Lieferengpässe bei Vorprodukten und Halbleitern haben auch die Metall verarbeitenden Betriebe hart getroffen. Sie verbuchten Auftragsrückgänge von 9,6 Prozent. Im Bereich der Konsumgüter sanken die Aufträge lediglich um 2,7 Prozent.

Auftragseingang im Jahresvergleich deutlich höher

Volkswirte sprechen von "schmerzhaften" Zahlen, verweisen jedoch darauf, dass der Auftragseingang im August im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, noch 8,5 Prozent höher liegt. Im Vergleich zum Vorjahresmonat August 2020 liegt er sogar 11,7 Prozent höher.

Die Betriebsferien der Autohersteller, die in den August fielen, dürften ebenfalls zum Minus beigetragen haben, vermuten Ökonomen. "Das satte Minus zeigt, der Materialmangel bremst auch die Auftragseingänge kräftig ein", erklärte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. "Wenn ohnehin klar ist, dass nicht geliefert werden kann, bestellen viele Unternehmen erst gar nicht."

Prognose nach unten korrigiert

ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski kann dem Einbruch auch eine positive Seite abgewinnen. "Sie bringt eine gewisse Erleichterung für die deutschen Hersteller, die zunehmend unter hohen Auftragsbeständen leiden", sagte er. "Angesichts der immer noch gut gefüllten Auftragsbücher und der niedrigen Lagerbestände dürfte die Zukunft der Industrieproduktion äußerst rosig sein."

Führende Wirtschaftsforschungsinstitute sowie internationale Organisationen wie die Weltbank und die OECD, haben ihre Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr deutlich gesenkt, weil die Industrie zwar auf prallen Auftragsbüchern sitzt, wegen fehlender Vorprodukte wie Mikrochips aber mit der Produktion nicht hinterherkommt. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schraubte deshalb seine Wachstumsprognose von 3,9 auf 2,6 Prozent nach unten.