Erdgas

Hohe Preise für Öl und Gas Mehr als vier Prozent Inflation

Stand: 01.10.2021 11:33 Uhr

Erstmals seit 28 Jahren hat die Inflationsrate die Vier-Prozent-Marke überschritten. Angeheizt wird die Teuerung von den steigenden Energiepreisen. Das weckt Erinnerungen an die Ölkrise.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Das Leben in Deutschland wird so schnell teurer wie zuletzt vor 28 Jahren. Im September ist die Inflationsrate im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 4,1 Prozent in die Höhe geschnellt, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Berechnungen mitteilte. Einen höheren Wert hatten die Wiesbadener Statistiker zuletzt im Dezember 1993 mit damals 4,3 Prozent ermittelt. Allerdings: Im Vergleich mit dem Juli und August blieben die Verbraucherpreise im September stabil. Der Erhöhung der Teuerungsrate im Jahresvergleich ist der Tatsache geschuldet, dass die Preise im Sommer 2020 infolge von Lockdown und Pandemie-Maßnahmen mehrere Monate hintereinander leicht fielen und damit der Unterschied im Jahresvergleich nun größer ausfällt.

Mit der aktuellen Entwicklung dürfte der Anstieg der Inflationsrate seinen Höhepunkt jedoch noch lange nicht erreicht haben. So rechnet etwa die Bundesbank gegen Jahresende mit Inflationsraten, die Richtung fünf Prozent gehen.

Besonders Gas-Importe stark verteuert

"Wesentliche Treiber der Inflationsrate sind deutliche Preisanstiege im Bereich Energie", so Christoph Swonke, Konjunkturanalyst der DZ Bank. "Der Anstieg der Inflationsrate im September geht ausschließlich auf eine noch höhere Teuerungsrate bei Energie zurück", ist auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, überzeugt.

Das spiegelt sich auch in den deutschen Importpreisen wider, die im August so stark angezogen haben wie seit 1981 nicht mehr. Besonders kräftig fiel der Preisaufschlag bei Erdgas mit 170,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat aus, bei Erdöl waren es 63,6 Prozent.

Steigende Angst vor "importierter Inflation"

Diese gewaltigen Preissprünge lassen die Sorgen vor einer "importierten Inflation" wachsen. Der Begriff kam in den 1950er-Jahren in Deutschland auf, der spätere Bundesbank-Präsident Otmar Emminger soll ihn geprägt haben.

Bei einer importierten Inflation wird die Teuerung gewissermaßen von außen angeheizt. Die Gründe für die steigenden Inflationsraten sind in diesem Fall also in den Außenhandelsbeziehungen einer Volkswirtschaft zu suchen: Wachsende Preise im Ausland werden über die Importe aufs Inland übertragen.

Abhängigkeit von Rohstoffmärkten

Prominentes Beispiel einer importierten Inflation sind steigende Rohölpreise an den internationalen Märkten: Die Unternehmen müssen Öl teurer einkaufen. Die steigenden Produktionskosten geben sie dann als Preiserhöhungen an die Verbraucher und andere Unternehmen weiter. Das treibt wiederum die allgemeine Teuerungsrate.

Mit anderen Worten: Die Rohstoffabhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft bei Öl und Gas wird ihr zum Verhängnis. Unter diesem Effekt hatte Deutschland zuletzt während der zweiten Ölkrise 1981 massiv zu leiden. Damals lag die Teuerungsrate im Jahresschnitt bei 6,3 Prozent.

1981: Lange Warteschlange an einer Tankstelle bei Frankfurt/Main | picture-alliance / dpa

Lange Warteschlangen an einer Tankstelle bei Frankfurt am Main 1981. Bild: picture-alliance / dpa

Ölpreis auf Drei-Jahres-Hoch

Im Vergleich zu heute mutet das damalige Preishoch von 38 Dollar je Barrel (159 Liter) Öl sehr moderat an. An den Rohstoffmärkten wurde für ein Fass des schwarzen Goldes zuletzt über 80 Dollar und damit so viel wie seit drei Jahren nicht mehr bezahlt.

Allerdings hat heutzutage insbesondere das Ölkartell OPEC noch Möglichkeiten, seine Fördermengen auszuweiten. Zudem lohnt sich mit steigenden Preisen auch das umstrittene Fracking - also die Gewinnung von Erdöl und Erdgas aus tiefer liegenden Gesteinsschichten - wieder verstärkt, sodass auch die USA perspektivisch mehr Öl auf den Rohstoffmärkten anbieten könnten. Das ist ein großer Unterschied zur Ölkrise damals.

Billiger Euro als zusätzlicher Preistreiber

Doch die Inflation wird nicht nur von den steigenden Preisen an den internationalen Rohstoffmärkten getrieben. Auch der Wechselkurs spielt eine wichtige Rolle. Denn schließlich sind für die Ermittlung der Inflationsrate nicht die Energiepreise in Dollar, sondern in Euro entscheidend.

Der Euro ist in dieser Woche auf den tiefsten Stand seit 14 Monaten gefallen. Das verteuert für deutsche Verbraucher wie für Unternehmen das Heizöl und Benzin, wird Rohöl doch in Dollar notiert. Fällt der Euro/Dollar-Kurs, so führt dies direkt zu Preissteigerungen (in Euro) der in Dollar gehandelten Rohstoffe.

Zinswende im Anmarsch

Dabei ist die Euro-Schwäche in erster Linie eine Dollar-Stärke. Hinter dem steigenden Dollar stehen die wachsenden Erwartungen der Marktteilnehmer, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ihre geldpolitischen Zügel bald wieder straffen könnte.

Experten rechnen damit, dass die US-Notenbank noch in diesem Jahr ihre Anleihekäufe reduzieren dürfte. Laut dem Fed-Watch-Tool der CME Group könnte die Fed bereits im September 2022 an der Zinsschraube drehen.

Hohe Inflation nur vorübergehend?

Die wachsenden Rohstoffpreise setzen die Währungshüter nun zusätzlich unter Druck, wecken sie doch zunehmend Zweifel an der Einschätzung der Notenbanken, wonach es sich bei den hohen Inflationsraten um ein vorübergehendes Phänomen handele.

"Bislang sind sich viele Notenbanker einig, dass die aktuell hohen Inflationsraten nur temporär sind", erklärt die Commerzbank-Devisenanalystin You-Na Park-Heger. "Wird die Inflation aber durch die aktuelle Situation an den Rohstoffmärkten zusätzlich angefacht, müssten die Notenbanken möglicherweise noch deutlicher agieren." Auch die Fed könne sich gezwungen sehen, entschlossener zu handeln.

Verwundbare Volkswirtschaft

Sollte die Fed aber auf dem Zinspfad noch früher und energischer voranpreschen und die Europäische Zentralbank nicht im gleichen Maße mitziehen, so hätte der Dollar weiteres Aufwärtspotenzial - und würde damit eine über den Devisenmarkt importierte Inflation weiter befeuern.

Die deutsche Wirtschaft scheint so verwundbar und abhängig zu sein von den Entwicklungen an den internationalen Rohstoff- und Devisenmärkten wie schon lange nicht mehr.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. September 2021 um 14:20 Uhr.

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Moderation 30.09.2021 • 21:11 Uhr

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