Jörg Hofmann, IG-Metall-Vorsitzender | dpa

Anstehender Tarifkonflikt IG Metall fordert "kräftige Lohnerhöhung"

Stand: 10.06.2022 09:25 Uhr

Ein Lohn-Plus von mehr als sechs Prozent verlangt IG-Metall-Chef Hofmann für Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale angesichts der hohen Inflation sehe er nicht, so der Gewerkschafter.

Die IG Metall will in der im Herbst anstehenden Tarifrunde eine Lohnerhöhung um mehr als sechs Prozent fordern. "Wir brauchen eine kräftige Lohnerhöhung", sagte Jörg Hofmann der "Süddeutschen Zeitung" (SZ). "Der Tarifabschluss muss zwei Jahre abdecken, 2022 und 2023. Laufen die Verhandlungen gut, haben wir im November ein Ergebnis."

Die Forderung komme zustande, indem man für zwei Jahre die Zielinflation der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent zur Steigerung der Produktivität (1,1 Prozent) addiere, erklärte Hofmann. Würden nicht die zwei Prozent EZB-Zielinflation zum Maßstab genommen, sondern die aktuelle Inflation von fast acht Prozent, "dann wäre unsere Forderung zweistellig", sagte Hofmann. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale sehe er deshalb nicht.

Der Gewerkschafter bezeichnete aber auch eine "Umverteilungskomponente" als zwingend, weil die Firmen derzeit so hohe Gewinne erzielten. Zum Einwurf in dem Zeitungsinterview, dass dies addiert mindestens sieben Prozent Lohnplus ergäbe, sagte Hofmann: "Oder darüber ... schauen wir mal."

Volle Auftragsbücher 

Die Verträge für rund 3,7 Millionen Beschäftigte in den Kernbranchen der deutschen Industrie laufen Ende September aus. Auf bundesweiten Sitzungen der regionalen Tarifkommissionen besprechen die Gewerkschaften derzeit die Höhe ihrer Forderungen für die neue Tarifrunde.

Dabei zeichnete sich vergangene Woche bereits ab, dass die IG Metall für ihre Mitglieder bei den anstehenden Tarifverhandlungen angesichts der hohen Inflation ein deutliches Lohnplus herausholen will. Eine exakte Tarifforderung muss dann vom Bundesvorstand der Gewerkschaft bestätigt werden. Nach Angaben der IG Metall soll dies am 11. Juli passieren.

In separaten Tarifverhandlungen in der nordwestdeutschen Stahlindustrie fordert die Gewerkschaft für die 68.000 Beschäftigten unter anderem 8,2 Prozent mehr Lohn. Zur Begründung führt sie aus, dass die Stahlindustrie trotz des Krieges in der Ukraine und Lieferkettenengpässen wirtschaftlich gut dastehe. Die Auftragsbücher seien bei vielen Stahlherstellern bis zum Herbst voll.

Streit um Sondersteuer auf "Kriegsgewinne"

Der IG-Metall-Chef bezog auch Stellung in der Debatte über eine Übergewinnsteuer für Unternehmen, die durch die Inflation Sondergewinne erzielen. "Ich bin dafür, die zusätzlichen Gewinne in allen Branchen abzuschöpfen, die aufgrund der Krise mehr verdienen als im Schnitt der vergangenen Jahre. Das sind nicht nur die Ölmultis", sagte Hofmann. "Auch Chemiekonzerne, Autohersteller und Maschinenbauer freuen sich über Sonderprofite."

Unter Ökonomen und in der Ampel-Koalition wird die Einführung einer möglichen Extra-Steuer wie in Italien oder Großbritannien sehr kontrovers diskutiert. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) plädierte wie Politiker von SPD und Grünen für eine solche Steuer.

Andere Ökonomen warnen hingegen davor. Der frühere Chef der Wirtschaftsweisen, Lars Feld, nannte die Diskussion "populistisch". Die Steuer wäre kaum verfassungsgemäß. Bundesfinanzminister Christian Lindner von der FDP hat eine Übergewinnsteuer ebenfalls kategorisch abgelehnt.

"Alle müssen Abstriche machen"

Vor einigen Tagen hatte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, die IG Metall vor zu hohen Lohnforderungen gewarnt. "Wir müssen mit der IG Metall reden, wie wir das Thema Lohnkosten in den Griff bekommen." Jede weitere Steigerung führe zu massiven Belastungen", sagte er mehreren Regionalzeitungen. Es helfe keinem, wenn Firmen überfordert würden und sie nicht mehr in der Lage seien, Arbeitsplätze in Deutschland zu halten.

"Wir werden allesamt Abstriche machen müssen", sagte Wolf den Zeitungen. Auch die IG Metall müsse erkennen, dass es nicht immer nur Wachstum gebe. Das gehe den Unternehmen auch so. 

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte kürzlich im Bundestag angekündigt, gemeinsam mit Arbeitgebern und Gewerkschaften über ein abgestimmtes Vorgehen gegen die hohe Inflation beraten zu wollen - in einer sogenannten "Konzertierten Aktion".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in den Nachrichten am 10. Juni 2022 um 09:00 Uhr.