Zwei Ölplattformen

IEA gibt Ölreserven frei Sinkt der Ölpreis jetzt dauerhaft?

Stand: 08.04.2022 11:24 Uhr

Um die Effekte des Ukraine-Kriegs auf den Ölpreis zu mildern, gibt die Internationale Energieagentur weitere Öl-Reserven frei. Es ist die größte Freigabe in der Geschichte. Wie lange wird das die Preise senken können?

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Für die Verbraucher sind die hohen Ölpreise zu einem massiven Kostenfaktor geworden, der für viele den Spielraum für andere Anschaffungen deutlich einzuschränken beginnt und die allgemeinen Kosten kräftig erhöht. Die Benzin- und Spritpreise notieren seit Wochen auf sehr hohem Niveau, wenngleich sie zuletzt wieder etwas unter ihre Rekordstände vom März gefallen sind.

Die Internationale Energieagentur (IEA) teilte jetzt mit, zusätzlich zu den bereits freigegebenen Rohölreserven in Höhe von 62,7 Millionen Barrel (159 Liter) weitere 120 Millionen Barrel über einen Zeitraum von sechs Monaten freizugeben.

Größte Freigabe der IEA-Geschichte

Damit sollen die als Folge des Ukraine-Kriegs massiv gestiegenen Rohölpreise auf ein für Verbraucher erträglicheres und für die Konjunktur zuträglicheres Niveau gedrückt werden. Es ist die größte Freigabe in der Geschichte der IEA. Insgesamt verfügt die IEA über Notvorräte von 1,5 Milliarden Barrel.

Nach Berechnungen der Rohstoffexperten der Commerzbank sollten die bislang insgesamt von der IEA und den USA freigegebenen Reserven genügen, um das tägliche Ölangebot zehn Monate lang um eine Million Barrel zu erhöhen. "Der von der IEA prognostizierte Ausfall des russischen Ölangebots von drei Millionen Barrel täglich ließe sich für 100 Tage kompensieren", schreibt Carsten Fritsch, Marktbeobachter für den Ölmarkt bei der Commerzbank.

Angesichts dieser Größenordnungen sei die zuvor bestehende Angst vor einer Angebotsverknappung laut Fritsch nicht mehr länger zu rechtfertigen, was sich auch in der Preisentwicklung zeige.   

Sinkende Notierungen am Ölmarkt

Tatsächlich scheint die Dynamik am Ölmarkt derzeit nachzulassen. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Sorte WTI gibt auch heute nach und liegt noch bei rund 97 Dollar - das sind über 20 Prozent weniger als vor einem Monat. Der Brent-Preis sackt ebenfalls ab und könnte bald wieder unter die Marke von 100 Dollar fallen, was ebenfalls einem Minus von mehr als 20 Prozent entspricht.     

Und es gibt weitere Faktoren, die derzeit für eine Entlastung bei den Ölnotierungen sprechen. So fürchten Ökonomen, dass die chinesische Wirtschaft aufgrund der harten Corona-Lockdowns in bestimmten Regionen an Fahrt verliert. Das würde die Nachfrage nach Rohstoffen verringern und damit den Ölpreis ebenfalls entlasten.

Eine ähnliche Wirkung trauen Experten einer Straffung der US-Zinspolitik durch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu. Derzeit diskutieren die US-Notenbanker, die Inflation durch stärkere und schnellere Zinserhöhungen zu bekämpfen. Das wiederum könnte sich negativ auf die Konjunktur auswirken und gleichfalls die Nachfrage nach Öl dämpfen.

Kurzfristige Entspannung  

Aber wird der positive Effekt der Reservefreigabe von Dauer sein? "Diese Maßnahmen können kurzfristig die Angebotssituation entspannen, verschieben aber letztendlich die Knappheitsproblematik in die Zukunft, denn die Reserven müssen wieder aufgefüllt werden", schreiben die Fachleute der Deka-Bank in ihrem aktuellen volkswirtschaftlichen Ausblick.  

Hinzu kommt, dass wichtige Förderländer gerade Preiserhöhungen durchsetzen: Der staatliche Ölkonzern Saudi-Arabiens, Saudi Aramco, wird ab dem Monat Mai die Preise für asiatische Kunden um 4,40 Dollar im Vergleich zum März anheben. Der Ölkonzern ist eine Gewinnmaschine: Im vergangenen Jahr hatte er den Nettogewinn auf 110 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Das ist etwas mehr als der Börsenwert von Volkswagen oder Siemens - als Jahresgewinn.

Auch Katar wird ab Mai die Preise auf die dort geförderten Ölsorten erhöhen, wie der Staatskonzern Qatar Energy gerade mitteilte.  

Milliarden zusätzliche Profite?    

Ohnehin ist zumindest ungewiss, inwieweit und wie schnell sinkende Ölpreise an die Verbraucher weitergegeben werden: Wirtschaftsminister Robert Habeck will dem Bundeskartellamt mehr Rechte geben, um hohe Spritpreise überprüfen zu können, damit sinkende Preise auch bei den Verbrauchern ankommen.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace wirft unterdessen der Mineralölwirtschaft in einer aktuellen Studie vor, an den hohen Benzin- und Dieselpreisen Milliarden zu verdienen. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine hätten sie mindestens drei Milliarden Euro zusätzliche Profite gemacht. Auf diesen Vorwurf antwortet die Branche, dass die Unternehmen auch höhere Ausgaben hätten, etwa durch höhere Energiekosten im Raffinerieprozess und Zusatztransporte.

Über dieses Thema berichtete BR24 Aktuell am 31. März 2022 um 09:07 Uhr.