Ein Heizungs- und Sanitärinstallateur bei der Reparatur von undichten Leitungen unter der Küchenspüle. | picture alliance / imageBROKER

Nachwuchs- und Fachkräftemangel Wo die Handwerker fehlen

Stand: 29.05.2021 08:39 Uhr

Bundesweit suchen handwerkliche Betriebe nach neuen Mitarbeitern. Im Süden und Südwesten ist der Personalmangel besonders groß. Bestimmte Branchen sind stärker betroffen als andere.

Von Silva Schreiner, BR

Unzählige Telefonate und lange Wartezeiten: Damit hatte Lisa Risch aus dem Landkreis Rhön-Grabfeld in Unterfranken zu kämpfen. Der Bau ihres Eigenheims zog sich in die Länge, obwohl sie bereits ein Jahr im Voraus mit der Planung und Koordination der verschiedenen Handwerksbetriebe begonnen hatte. "Wir hatten schon manchmal längere Wartezeiten, weil sie alle sehr beschäftigt sind und keine Leute bekommen, die mitarbeiten", sagt die Hausbesitzerin, "Wir haben dann einiges selber machen müssen, und dann ging es ein bisschen schneller."

"Mitarbeiter das wichtigste Gut"

Die Photovoltaikanlage auf dem Dach ihres Hauses hat Familie Risch nicht selber anbringen können. Dafür hatten sie den Betrieb BSH-Energie in Bad Königshofen beauftragt, der aufgrund der hohen Nachfrage mit seinen insgesamt 150 Mitarbeitern trotzdem an seine Grenzen kommt: "Wir versuchen natürlich schon, unsere Versprechen gegenüber unseren Mitarbeitern einzuhalten, dass sie ihre versprochene Freizeit auch bekommen", so Geschäftsführer Christian Grünberg, "Das ist ein Grund, warum wir hier und da mal unsere Kunden verschieben, weil unsere Mitarbeiter das wichtigste Gut sind, und die können wir jetzt nicht sieben Tage die Woche verheizen."

Der Betrieb zählt zu denjenigen, die laut einer aktuellen Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) besonders unter dem Mangel an Personal leiden. Dieser lässt sich vor allem in den handwerklichen Berufen in Produktion, Fertigung und Bau verorten. Von den 26 Handwerksberufen, in denen besonders viele Fachkräfte fehlen, sind 17 Berufe aus diesen Bereichen. Dazu zählen beispielsweise Bauelektrik, Sanitär, Heizung, Klima- und Kraftfahrzeugtechnik. Aber auch im Verkauf von Fleischwaren wird händeringend nach qualifiziertem Personal gesucht.

Große regionale Unterschiede

Der Hauptsitz der Firma BSH-Energie in Unterfranken liegt in den Regionen Deutschlands, die mit am meisten von dem Fachkräftemangel betroffen sind. Denn laut KOFA-Studie leiden insbesondere der Süden und Südwesten Deutschlands am Rückgangs des Personals. Grundsätzlich sei der Handwerkermangel ein flächendeckendes Problem, jedoch in Baden-Württemberg und Bayern besonders ausgeprägt. So fanden sich in den Arbeitsagentur-Bezirken Ansbach-Weißenburg, Schweinfurt und Würzburg trotz nachlassender Konjunktur und Corona-Pandemie im Jahr 2020 bei mehr als 70 Prozent aller offenen Stellen in überwiegend handwerklichen Berufen keine passend qualifizierten Arbeitslosen. Die nordrhein-westfälischen Ballungszentren, wie beispielsweise Köln und das Ruhrgebiet, seien dagegen weniger betroffen. 

Um den Fachkräftemangel im Handwerk zu beheben, braucht es Nachwuchs. Doch trotz zahlreicher Lehrstellen in ganz Deutschland bewerben sich vergleichsweise wenige Schulabgänger für einen Handwerksberuf. "Wir brauchen natürlich jede Menge Auszubildende in den verschiedenen Gewerken", sagt Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Bayerischen Handwerkskammer. "In Bayern sinken die Zahlen der Auszubildenden jährlich um fünf Prozent etwa, bundesweit ist die Negativzahl teilweise noch höher." So wurden im Jahr 2020 in ganz Deutschland insgesamt 129.459 neue Ausbildungsverträge in überwiegend handwerklichen Berufen geschlossen, im Vorjahr waren es noch knapp 10.000 mehr. Damit ist ein bundesweiter Rückgang der besetzten handwerklichen Ausbildungsstellen um etwa sieben Prozent festzustellen. 

Entscheidung eher für das Studium

Nach Meinung des Handwerkskammer-Präsidenten liegt die Ursache der fehlenden Attraktivität eines Handwerksberufes an der mangelnden Information darüber, welche Chancen das Handwerk bietet. "Hier können sich ausgebildete Fachkräfte selbst verwirklichen und auch Führungspositionen einnehmen. Viele Jugendliche haben falsche Vorstellungen über die Verdienstmöglichkeiten im Handwerk", sagt Peteranderl. Frische Schulabgänger entschieden sich aktuell eher für ein Studium, als eine Ausbildungsstelle anzutreten. "Wir stellen fest, dass etwa 30 Prozent der Leute, die ein Studium beginnen, ohne einen Abschluss wieder von der Universität abgehen. Diese jungen Leute wollen wir hier im Handwerk haben."

Diese Menschen zu erreichen hat sich auch der Geschäftsführer Grünberg von BSH-Energie zum Ziel gemacht: "Man kann nicht sagen, dass die Zeitung tot ist, aber sicher 90 Prozent der Bewerbungen bei uns gehen über Social Media ein." So hat es der Betrieb geschafft, aktuell insgesamt sechs neue Mitarbeiter auszubilden - und hofft, seine Fachkräftelücke in Zukunft schließen zu können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Mai 2021 um 17:00 Uhr.