Das Logo von Gazprom auf einem Dach. | AFP

Krise auf dem Energiemarkt Deutsche Gazprom-Speicher ungewöhnlich leer

Stand: 27.10.2021 17:31 Uhr

Vor allem Erdgasspeicher in Europa unter Kontrolle des russischen Gazprom-Konzerns sind Experten zufolge derzeit auffällig stark geleert. Davon betroffen ist besonders Deutschland. Könnte Moskau mehr liefern?

Während die Erdgaspreise von Rekord zu Rekord eilen, sind die Speicher des russischen Monopolisten Gazprom in Europa derzeit ungewöhnlich leer. Das zeigen jüngste Branchendaten. "Die größten Defizite bestehen in den Anlagen von Gazprom in Deutschland und Österreich", sagte Domenicantonio De Giorgio, außerordentlicher Professor für Finanzen an der Mailänder Universität Sacro Cuore, der "Financial Times".

De Giorgio hat Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) analysiert, einem Industrieverband. Dabei hat der Experte festgestellt, dass in Ländern, in denen Gazprom keine Gasspeicher besitzt - etwa in Frankreich und Italien - die Anlagen gut gefüllt sind, auf einem für diese Jahreszeit nahezu normalen Niveau. Am wenigsten sind die Speicher demnach in den Anlagen gefüllt, die dem russischen Konzern gehören oder von ihm kontrolliert werden.

"Putin und Gazprom sagen immer wieder, dass sie alle ihre langfristigen Verträge mit Kunden erfüllen", so de Giorgio. "Die Daten zeigen, dass dies nicht der Fall ist." Ohne die von Gazprom kontrollierten Anlagen seien die europäischen Gasspeicher in etwa so gut gefüllt wie im Durchschnitt der letzten fünf Jahre - zwischen 85 und 95 Prozent. Beziehe man Gazprom mit ein, liege die Füllhöhe nur bei 75 Prozent. Laut "Financial Times" hat Gazprom Einfluss auf fast ein Drittel aller Gasspeicher in Deutschland, Österreich und den Niederlanden.

Erdgasspeicher in Niedersachsen kaum gefüllt

Europas größter Erdgasspeicher im niedersächsischen Rehden (Landkreis Diepholz) ist derzeit nur zu knapp zehn Prozent gefüllt. Ein Gazprom-Sprecher erklärte bereits Ende September gegenüber dem NDR, dass die Gazprom-Tochter Astora den Speicher zwar betreibe, aber keinen Einfluss darauf habe, was die Kunden dort ein- oder auslagerten. Damit wies der Konzern jegliche Verantwortung für die Lage zurück.

Im vergangenen Jahr sei der Speicher in Rehden um diese Zeit noch zu rund 87 Prozent gefüllt gewesen, sagte Sebastian Bleschke von der Initiative Erdgasspeicher, in der die großen Speicherunternehmen zusammengeschlossen sind. Auch der kleinere Speicher im ostfriesischen Jemgum ist laut Bleschke geringer gefüllt als im Vorjahr. Derzeit seien es knapp 64 Prozent, 2020 waren es um diese Zeit 92 Prozent. Der ebenfalls von Gazprom betriebene Speicher Haidach in Österreich, einer der größten unterirdischen Speicher Mitteleuropas, ist nur zu 20 Prozent gefüllt.

Gazprom leitet Gas erst in russische Speicher

Kritiker werfen Gazprom vor, mit seiner gedrosselten Versorgung dazu beizutragen, die europäischen Energiepreise in die Höhe zu treiben. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe in der vergangenen Woche den Staats- und Regierungschefs der EU mitgeteilt, dass Russland sich verpflichtet habe, mehr Erdgas in seine Speicher zu leiten, so die "Financial Times" unter Berufung auf Diplomaten. Bisher gibt es jedoch wenig Hinweise auf steigende Lieferungen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat Gazprom laut der Nachrichtenagentur Reuters angewiesen, die Füllstände der Erdgasspeicher in Deutschland und Österreich zu erhöhen, wenn die russischen Speicher gefüllt sind. Gazprom-Chef Alexej Miller sagte bei einem im Fernsehen übertragenen Treffen im Kreml, die geplante Gas-Speichermenge von 72 Milliarden Kubikmetern in den russischen Speichern werde der Konzern zum 1. November erreicht haben. Das Auffüllen der heimischen Speicher werde Gazprom am 8. November beendet haben.

Erst vergangene Woche hatte Gazprom es abgelehnt, zusätzliche Pipeline-Kapazitäten zu buchen, etwa durch die Ukraine, um damit die Lieferungen nach Europa im kommenden Monat zu erhöhen. Kritiker werfen Russland vor, mit einer künstlichen Verknappung Druck auf die Bundesregierung ausüben zu wollen, damit der umstrittenen Ostseepipeline Nord Stream 2 die Betriebserlaubnis erteilt wird. Dagegen hatte sich kürzlich Grünen-Chefin Annalena Baerbock ausgesprochen. Nach EU-Recht dürfe die Erlaubnis nicht erteilt werden, da der Pipeline-Betreiber nicht gleichzeitig auch das Gas durchleiten dürfe.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Oktober 2021 um 19:00 Uhr.