In den kommenden Monaten werden viele Firmeninsolvenzen in Deutschland befürchtet. | dpa

Unternehmensinsolvenzen Keine Pleitewelle im ersten Halbjahr

Stand: 10.09.2021 10:18 Uhr

Die befürchtete Pleitewelle von Unternehmen wegen der Corona-Krise ist im ersten Halbjahr 2021 ausgeblieben - dank Sonderregeln. Allerdings haben sich die Forderungen der Gläubiger verdoppelt.

Ausgesetzte Meldepflichten und milliardenschwere Konjunkturhilfen haben die befürchtete Welle von Firmenpleiten in Deutschland bisher verhindert. Mit 7408 Fällen lag die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zwischen Januar und Juni des laufenden Jahres sogar um 17,7 Prozent unter dem Wert der ersten sechs Monate des vergangenen Jahres, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Danach wurde auch das Niveau des nicht von der Corona-Krise beeinflussten ersten Halbjahres 2019 um 22,9 Prozent unterschritten.

Allerdings war das erste Halbjahr in der Wirtschaft weiter von Sonderregelungen geprägt. So blieb die Insolvenzantragspflicht bis Ende April 2021 für die Firmen ausgesetzt, bei denen die Auszahlung der November-Hilfen noch ausstand. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die staatlichen Konjunkturhilfen für die Unternehmen sowie die erst ab Mai wieder durchweg geltende Insolvenzantragspflicht zu den niedrigen Insolvenzzahlen im ersten Halbjahr beigetragen haben. 

Baugewerbe am meisten betroffen

Allerdings haben sich die Forderungen der Gläubiger der insolventen Unternehmen im ersten Halbjahr fast verdoppelt, auf 31,8 Milliarden Euro. Dieser Anstieg sei darauf zurückzuführen, dass im ersten Halbjahr 2021 mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen den Gang zum Amtsrichter angetreten hätten als im Vorjahreszeitraum, so das Statistische Bundesamt.

Die zahlenmäßig meisten Fälle gab es im Baugewerbe (1219) und im Handel (1120), einschließlich Reparaturwerkstätten von Autos. Auch in der zweiten Jahreshälfte dürfte sich die Zahl der Firmenpleiten in Grenzen halten. So sind die Regelinsolvenzen im August um 19 Prozent gegenüber Juli gesunken. Lediglich im Jahresvergleich, also gegenüber August 2020, ergibt sich eine Steigerung um 14 Prozent.

Kommt das dicke Ende erst noch?

Diese Tendenz hat auch das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) festgestellt, das monatlich einen Insolvenztrend veröffentlicht. Im langfristigen Vergleich seien die Zahlen "extrem niedrig", teilte das IWH Anfang dieser Woche mit. Allerdings spiegelten die anhaltend niedrigen Insolvenzzahlen das tatsächliche Geschehen wegen der staatlichen Stützungsmaßnahmen noch immer nicht wider, erklärte IWH-Forscher Steffen Müller.

"Um einen immer größer werdenden Rückstau an Insolvenzen zu vermeiden, sollten laufende Unterstützungsmaßnahmen zügig auf den Prüfstand." Das Kurzarbeitergeld sei bei Ausbruch der Pandemie wichtig für die Stabilisierung der Wirtschaft gewesen, derzeit werde es aber noch "undifferenziert auch für gescheiterte Unternehmen in Branchen gezahlt, die von der Pandemie nicht betroffen sind und einen Boom erleben", stellte Müller fest. Experten hatten immer wieder auf die Gefahr von sogenannten Zombiefirmen hingewiesen, die zwar eigentlich pleite seien, dank der zahlreichen staatlichen Hilfen bisher aber eine Insolvenz vermeiden konnten. So werde sich erst nach dem Wegfall der Corona-bedingten Subventionen das wahre Ausmaß der Firmenpleiten zeigen.

Über dieses Thema berichtete NDR 90,3 im Hörfunk am 10. September 2021 um 11:00 Uhr.