Gerollte Dollar-Banknoten | REUTERS

Geldpolitik der Fed Welche Gefahren birgt die US-Zinswende?

Stand: 02.01.2022 08:56 Uhr

Bis zu drei Zinserhöhungen könnte es im kommenden Jahr in den USA geben. Würgt die Notenbank damit die wirtschaftliche Erholung ab? Und was bedeuten höhere Zinsen für Verbraucher und Unternehmen?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

2022 wird das Jahr der Zinswende - zumindest in den USA. Insgesamt drei Zinserhöhungen werden erwartet, sodass der Leitzins bis zum Jahresende auf 0,75 bis 1,0 Prozent steigen dürfte. Auch für das Folgejahr signalisierten die US-Notenbanker der Federal Reserve (Fed) zuletzt drei weitere Zinserhöhungen, so dass der Leitzins dann zwischen 1,5 und 1,75 Prozent liegen dürfte.

Unter Jerome Powells Führung hatte die Fed im Frühjahr 2020 den Leitzins auf Null gesenkt und weitere Anleihekaufprogramme gestartet, um die Konjunktur zu stützen. Nun erfolgt die Rolle rückwärts. Zunächst sollen die Anleihekäufe bis zum März 2022 eingestellt werden und anschließend die Zinsen wieder steigen. Läuft die Fed damit Gefahr, die Konjunktur abzuwürgen und viele der unter Lieferengpässen und Pandemie bedingten Einschränkungen leidenden Unternehmen weiter zu belasten?

Ökonomen sehen nachlassende Corona-Folgen

Die Ökonomen der großen US-Bank JPMorgan geben Entwarnung - und haben auch gleich eine eigenwillige Begründung parat. Es bestehe zwar die Gefahr, dass die Omikron-Variante zu neuen Verwerfungen führt, doch habe die Wirtschaft inzwischen "gelernt", mit Covid zu leben. So habe jede neue Covid-Welle seit 2020 der Konjunktur weniger Schaden zugefügt als die vorherige.

Die Ökonomen der Fed sehen das ähnlich: "Was wir gesehen haben, ist, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen von einer Covid-Welle zur nächsten geringer waren", sagte Powell nach der Zinssitzung im Dezember. "Viele Unternehmen und Branchen haben sich irgendwie mit der Pandemie arrangiert", so der Notenbanker. Somit gebe es keinen Grund zu befürchten, dass eine straffere Geldpolitik, die Erholung der Wirtschaft abwürgen werde.

Weniger Insolvenzen als befürchtet

Nach Powells Ansicht benötigt die Wirtschaft die geldpolitischen Stützungsmaßnahmen nicht mehr, und der Arbeitsmarkt kommt auf dem Weg zur Vollbeschäftigung, einem Ziel der Fed, rasch voran. Tatsächlich dürfte die US-Wirtschaft im zu Ende gehenden Jahr um 5,9 Prozent zulegen - und damit deutlich stärker als im Vorjahr. 2022 dürfte die Zuwachsrate der US-Wirtschaft gemäß den Projektionen der Notenbank bei 4,0 Prozent liegen.

Dass die amerikanische Wirtschaft besser durch die Krise gekommen ist als befürchtet, zeigt auch ein Blick auf die Entwicklung der Firmenpleiten. Während Kreditversicherer wie EulerHermes einen rasanten Anstieg der Pleiten um 50 Prozent gegenüber 2019, also dem Jahr vor der Pandemie, vorhergesagt hatten, waren es im vergangenen Jahr nicht einmal zehn Prozent mehr. In diesem Jahr ging die Zahl der Pleiten bis Ende Oktober sogar unter das Vorkrisenniveau zurück. Die Geschäftsbanken haben deshalb einen Großteil ihrer Risikovorsorge wieder aufgelöst.

Die großen Wall-Street-Banken halten es für unwahrscheinlich, dass ein Wiederanstieg der Zinsen nun vermehrt sogenannte Zombieunternehmen in den Ruin treiben könnte. Vorsicht sei aber dennoch geboten: Im Umfeld langsam steigender Finanzierungskosten könnten es margenschwache, hochverschuldete Unternehmen schwerer haben als Firmen mit soliden Finanzen und hohen Marktanteilen, die es ihnen erlauben, höhere Preise für ihre Produkte zu verlangen.

Arbeitslosigkeit dürfte weiter sinken

Dessen ungeachtet erwarten die US-Ökonomen, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiter entspannen wird, trotz wieder anziehender Zinsen. Wie die Fed selbst erwarten auch die Experten der großen Banken einen Rückgang der Arbeitslosenquote bis Ende 2022 auf den Tiefstand vor der Pandemie von 3,5 Prozent - etwas niedriger als die Schätzung vom September, als noch 3,8 Prozent erwartet wurden.

Verbraucher dürften die Zinswende mit der Hoffnung auf stabilere und weniger stark steigende Preise verbinden. Dazu dürfte auch der erstarkte Dollar beitragen. Tatsächlich hat der Greenback in Erwartung einer strafferen US-Geldpolitik gegenüber den meisten Währungen kräftig an Wert zugelegt - allein gegenüber dem Euro sind es seit Jahresbeginn rund zehn Prozent. Das verteuert zwar die US-Exporte, verbilligt aber auch die Importe.

Steigende Bauzinsen

Allerdings dürften sich erfahrungsgemäß auch die Bauzinsen etwas verteuern. Eine ungute Entwicklung, mangelt es doch an verfügbaren Wohnungen und Häusern. Bereits in diesem Jahr dürfte die Zahl der verkauften neu gebauten Einfamilienhäuser in den USA laut Berechnungen der Fed St. Louis um rund 30 Prozent zurückgehen. Steigen die Kosten für Kredite könnte sich diese Entwicklung im neuen Jahr fortsetzen. Für Normalverdiener wird der Traum vom Eigenheim daher zunehmend unwahrscheinlich.

Die Nervosität an den Finanzmärkten hat aber einen ganz anderen Grund. Es ist die auf über sechs Prozent gestiegene US-Inflationsrate, die bei vielen Investoren für Unruhe sorgt. Sie befürchten, dass die Notenbank die geldpolitischen Zügel noch straffer anziehen könnte, wenn die Teuerungsrate länger auf dem hohen November-Niveau verharre. Schon befürchten Ökonomen wie Friedrich Heinemann vom Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW, dass die USA in eine Lohn-Preis-Spirale geraten könnte und damit eine Inflationsdynamik losgetreten werde, die aggressivere Reaktionen der Fed, sprich schneller steigende Zinsen, erfordern werde.

Die Notenbank glaubt zwar auch nicht mehr, dass die Inflation nur ein vorübergehendes Szenario ist, doch gleichzeitig signalisiert sie Entwarnung. Die von ihr besonders beachtete Kernrate der Konsumausgaben (Core PCE, Personal Consumption Expenditures) soll von 4,4 Prozent in diesem Jahr auf 2,7 Prozent im kommenden Jahr sinken. Für 2023 erwartet sie eine Kernrate von 2,3 Prozent und 2,1 Prozent in 2024.

Besorgte Aktienbesitzer

Aktienbesitzer erfüllt die hohe Inflation und die Aussicht auf eine deutlich straffere Geldpolitik mit Sorge. Seit der Ankündigung der Fed, die Zügel wieder anzuziehen, fahren die New Yorker Börsen Achterbahn. Die Ökonomen der großen Wall-Street-Banken gehen zwar davon aus, dass die Börse das zurückhaltendere Vorgehen der Notenbank kaum erschüttern dürfte, weil die wirtschaftliche Erholung andauert und die Unternehmen ihre Gewinne steigern dürften. Voraussetzung dafür sei natürlich, dass die Notenbank wie versprochen behutsam vorgeht und die Märkte nicht aus dem Blick verliert.

Dessen ist sich Fed-Chef Powell wohl bewusst. Er hat in den letzten Wochen wiederholt durchblicken lassen, dass er die Finanzmärkte nicht alleinlassen werde und betont, eine schlechte Stimmung an den Börsen drohe schnell zu einem Problem für die Konjunktur zu werden. Und das könne sich weder die amerikanische noch die Weltwirtschaft leisten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. September 2021 um 17:24 Uhr.