US-Notenbanchef Jerome Powell

Nächster XXL-Zinschritt erwartet Übertreibt es die Fed?

Stand: 21.09.2022 11:18 Uhr

Im Kampf gegen die Inflation steht die Federal Reserve vor einem weiteren XXL-Zinsschritt. Erste kritische Stimmen warnen bereits, die US-Notenbanker könnten es mit ihren Zinserhöhungen übertreiben.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

"Wir stehen vor einer der aggressivsten Zinserhöhungsphasen der Geschichte", warnten jüngst die Analysten der Bank of America. "85 Prozent der Zentralbanken sind in einem geldpolitischen Straffungsmodus." Im Fokus der Investoren weltweit steht dabei vor allem die US-Notenbank. Die Federal Reserve (Fed) gibt für die Notenbanken und die Finanzmärkte weltweit die Richtung vor.

Geht die Fed in die Vollen?

Dabei ist eines gewiss: Nachdem die US-Inflation zuletzt schon wieder auf der Oberseite überrascht hatte, werden Fed-Chef Jerome Powell und seine Kollegen nicht umhinkommen, heute Abend den US-Leitzins erneut deutlich anzuheben. Die Frage ist nur: wie hoch? Eine Anhebung um mindestens 0,75 Prozentpunkte gilt als ausgemachte Sache. An den Märkten wurde zuletzt aber auch spekuliert, die Fed könnte den Leitzins sogar um 100 Basispunkte, also um einen Prozentpunkt anheben.

Die Wahrscheinlichkeit für einen solch extremen Zinsschritt war an den vergangenen Tagen jedoch leicht gesunken. Dem Fed Watch Tool der CME Group zufolge rechnen aktuell 84 Prozent der Marktteilnehmer mit einer Anhebung des US-Leitzinses um 75 Basispunkte; 16 Prozent erwarten einen Zinsschritt um einen vollen Prozentpunkt. "Ein 100-Basispunkte-Schritt ist eher eine hypothetische Alternative als ein wirklich als realistisch angesehenes Szenario", ist auch Commerzbank-Devisenexperte Ulrich Leuchtmann überzeugt.

Weitere Zinserhöhungen voraus

Für fast noch wichtiger als die Zinsentscheidung selbst halten Experten den geldpolitischen Ausblick der US-Notenbank. "Die Fed muss zumindest die Bedingungen klären, die erforderlich sind, um das Tempo der Zinserhöhungen auf 50 Basispunkte zu reduzieren", so Volkswirtin Blerina Uruci vom Vermögensverwalter T. Rowe Price.

Den Fed-Funds-Futures zufolge wird für November ein weiterer 75-Basispunkte-Schritt erwartet, im Dezember dürften es dann 50 Basispunkte werden, erklärt Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. Doch damit nicht genug: "Erstmals vor der heutigen Fed-Sitzung sind Werte von 4,75 Prozent als erwartete Leitzinsen für März und Mai 2023 zu sehen. Das ist heftig", so Rethfeld.

EZB hinkt Fed hinterher

Damit prescht die Fed im Vergleich zur Europäischen Zentralbank weiter vor. Zum Vergleich: In der Eurozone notiert der Leitzins aktuell bei 0,75 Prozent. Den Future-Märkten zufolge ist mit weiteren Zinserhöhungen noch bis März 2023 zu rechnen. Der Leitzins in der Eurozone sollte dann bei 2,75 Prozent sein Plateau erreichen.

EZB-Chefin Christine Lagarde hatte aller Kritik von Ökonomen zum Trotz noch sehr viel länger als ihr Fed-Kollege Powell an der Überzeugung festgehalten, dass es sich bei den hohen Inflationsraten lediglich um ein "vorübergehendes Phänomen" handele, das demzufolge kein Eingreifen der Notenbank erfordere.

Dollar nahezu auf 20-Jahres-Hoch

Diese unterschiedliche Herangehensweise von EZB und Fed resultiert in einer deutlich auseinandergehenden Zinsschere zwischen dem Dollar- und Euroraum. Der massiv höhere US-Zins macht Anlagen im Dollar-Raum attraktiver, das stärkt wiederum der US-Währung den Rücken.

Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, nähert sich im Vorfeld des Fed-Entscheids seinem jüngst erreichten 20-Jahres-Hoch von 110,79 Punkten wieder an. Im Gegenzug fällt der Euro unter die Parität zum US-Dollar. Für einen Euro werden heute zur Mittagszeit 0,9904 Dollar gezahlt.

Warnsignal vom Bondmarkt

Auch an den Rentenmärkten haben die erwarteten Leitzinserhöhungen der Fed deutliche Spuren hinterlassen. So notiert die Rendite der zweijährigen US-Staatsanleihen klar über der Rendite der zehnjährigen US-Bonds. Marktkenner sprechen von einer inversen Zinskurve.

Eine inverse Zinskurve gilt vielen als Vorbotin einer Rezession. Tatsächlich hat sich der Bondmarkt als verlässlicher Frühindikator für eine Konjunkturflaute erwiesen: Laut einer Studie der Federal Reserve Bank von San Francisco ging bis auf eine Ausnahme jedem wirtschaftlichen Abschwung in den USA seit 1955 eine inverse Renditekurve voraus.

Fällt die Inflationsrate von allein?

Vor dem Hintergrund einer sich offenbar unausweichlich anbahnenden US-Rezession erscheint das scharfe Vorgehen der Fed zum jetzigen Zeitpunkt und bis weit in das nächste Jahr hinein zumindest fragwürdig. Denn in rezessiven Phasen, in denen die Wirtschaft schrumpft, fällt die Inflationsrate von selbst, darauf weist auch Marktexperte Rethfeld hin.

Hinzu kommt: "Die Break-Even-Inflationsrate signalisiert einen Fall der US-Inflationsrate auf vier bis fünf Prozent", so Rethfeld. Die Break-Even-Inflationsrate ist die Teuerungsrate, zu der weder eine herkömmliche Anleihe noch eine inflationsgebundene Anleihe profitabler ist. Sie gilt als wichtiger Frühindikator für die Inflationsrate und wird von der Fed selbst erhoben.

"Der Widerspruch zwischen der fallenden Break-Even-Inflationsrate und den steigenden Zinserwartungen des Marktes an die Fed ist sehr hoch", betont Rethfeld. "Einer der beiden Indikatoren ist auf dem Holzweg. Wir tippen darauf, dass die Break-Even-Inflationsrate das richtige Näschen hat."

Über dieses Thema berichtete BR24 im Börsenticker am 13. September 2022 um 14:42 Uhr.