Dunkle Regenwolken über den Hafenanlagen in Hamburg | dpa

EU-Konjunkturprognose Zwischen Hoffen und Bangen

Stand: 10.02.2022 13:59 Uhr

Verbraucher in der EU müssen sich länger auf höhere Preise einstellen als erwartet. Die Omikron-Welle setzt der Wirtschaft weiter zu. Auch die Ukraine-Krise birgt Risiken.

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Es ist etwas zwischen Hoffen und Bangen: Hoffen einerseits darauf, dass die Konjunktur in den nächsten Monaten in der gesamten Europäischen Union die Pandemie-Folgen hinter sich lässt und wieder deutlich an Fahrt gewinnt - und Bangen, weil die steigende Inflation diese rosigen Aussichten durchaus gefährden könnte. Dann nämlich, wenn sie vom jetzigen Niveau mit deutlich über vier Prozent nicht wieder herunter kommen sollte.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Verhaltener Optimismus beim EU-Kommissar

Doch dieses Risiko wird in der heute in Brüssel vorgelegten Winter-Konjunkturprognose zumindest von der EU-Kommission als nicht allzu groß angesehen. Zwar rechnet EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni nun mit einer Preissteigerungsrate für die Euro-Länder in diesem Jahr von durchschnittlich 3,5 Prozent, dann erwartet man aber eine Beruhigung bei den Preisen und sagt für 2023 eine Inflation von nur noch 1,7 Prozent voraus.

Manche Ökonomen halten das für optimistisch, Paolo Gentiloni für realistisch, denn der Druck bei den Lieferengpässen - bedingt beispielsweise durch derzeit noch knappe Transportkapazitäten - werde nachlassen. Und auch bei den Energiepreise zeichne sich eine Entspannung ab, so Gentiloni.

Steigende Zinsen nicht wünschenswert

Wenn es so kommt, dann würde die Preissteigerungsrate auf mittlere Sicht also auch wieder unter das Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank sinken - auf jeden Fall dürfte diese Prognose die Zinsphantasien mit Blick auf den geldpolitischen Kurs der EZB in den kommenden Monaten weiter beflügeln. Für die Konjunktur in Europa, die gerade dabei ist, sich von der Pandemie zu erholen, wären steigende Zinsen zumindest wenig wünschenswert, weil sie Kredite und damit Investitionen verteuern würden.

Tatsächlich geht die EU-Kommission von recht robusten ökonomischen Wachstumsraten in diesem und im nächsten Jahr aus: Für 2022 erwartet sie ein Plus für die Länder der Währungsunion in der EU von vier Prozent, 2023 sollen es 2,7 Prozent sein. Im Laufe dieses Jahres dürften nach Einschätzung der Kommission alle EU-Staaten bei der Wirtschaftskraft mit Blick auf Corona wieder über das Vorkrisenniveau hinauskommen.

Risiken bleiben

Alles in allem überwiegt also das Hoffen bei dieser Prognose das Bangen - dennoch, das räumt Wirtschaftskommissar Gentiloni offen ein: Es bleiben Risiken. Nach wie vor sei nicht klar, ob die Pandemie tatsächlich in diesem Jahr überwunden werden könne. Zum anderen seien die wachsenden internationalen Spannungen Grund zur Sorge - vor allem die Kriegsgefahr in der Ukraine.

Für Deutschland rechnet die EU-Kommission in diesem Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent, die deutsche Inflationsrate werde sich bei durchschnittlich 3,7 Prozent bewegen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 10. Februar 2022 um 14:11 Uhr.