Getreideernte | dpa
Hintergrund

Höchste Preise seit 2014 Teure Nahrung als globales Risiko

Stand: 09.03.2021 09:24 Uhr

Immer teurere Nahrungsmittel werden zu einem drängenden globalen Problem. Der Mix aus Pandemie und Preisinflation hat in vielen Regionen der Welt bereits dramatische Folgen.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Die Weltmarktpreise für Lebensmittel sind im Februar zum neunten Mal in Folge gestiegen. Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO erreichten sie den höchsten Stand seit Juli 2014. Der FAO-Lebensmittelpreisindex misst die monatlichen Veränderungen eines Warenkorbs aus Getreide, Ölsaaten, Milchprodukten, Fleisch und Zucker. Er kletterte im vergangenen Monat auf 116,0 Punkte, im Januar waren es noch 113,2 Zähler.

Die Gründe für den globalen Preisanstieg sind vielfältig: Neben einer gestiegenen Nachfrage etwa aus China sind auch die durch die Corona-Krise unterbrochenen globalen Lieferketten Teil des Problems. Hinzu kommen kritische Wetterlagen an einigen Orten, die sich negativ auf den Erfolg mancher Ernten ausgewirkt haben.

So verteuerte sich Zucker beispielsweise binnen eines Monats um 6,4 Prozent. Der Preis für Pflanzenöl stieg um 6,2 Prozent, es kostete so viel wie seit April 2012 nicht mehr.

Liniengrafik zum FAO Global Food Price Index

Die Preise steigen weiter

Die steigenden Lebensmittelpreise kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die globale Wirtschaft wegen der Lockdown-Maßnahmen in eine tiefe Krise geraten ist. Es ist ein Teufelskreis: Wie die Weltbank schreibt, führen Einkommensverluste dazu, dass die Menschen weniger Geld für Lebensmittel zur Verfügung haben. Die Unterbrechungen der Lieferketten hätten einen lokalen Mangel zur Folge, insbesondere bei verderblicher Ware. Das wiederum treibe den Preis noch weiter an.

Und da Lebensmittelpreise auch Marktpreise sind, werden Investitionen in diesem Segment für Spekulanten auch immer attraktiver, je stärker die Preise steigen - und das hat dann seinerseits weiter anziehende Preise zur Folge. Carlos Mera, Rohstoff-Experte bei der Rabobank, geht davon aus, dass Weizen, Korn, Sojabohnen und Öle im laufenden Jahr noch teurer werden.

Trend auch in reichen Ländern ein Problem

Selbst hierzulande wird die Preisinflation bei Lebensmitteln immer spürbarer. Die Preise für Nahrungsmittel stiegen im Februar auf Jahressicht um 1,4 Prozent. In den USA kletterten sie im abgelaufenen Jahr um 3,9 Prozent, wie das US-Bureau of Labor Statistics (BLS) mitteilte.

Im Jahr 2019 gaben die US-Haushalte, die das Fünftel mit den niedrigsten Einkommen repräsentieren, nach Angaben des US-Department of Agriculture 4400 Dollar im Jahr für Ernährung aus. Das entspricht 36 Prozent der Bezüge. Für Familien und Haushalte, die mit wenig Geld wirtschaften müssen, wird die Inflation der Lebensmittelpreise auch in den reichen Ländern längst zu einem Problem.

Die Menschen müssten sich daran gewöhnen, mehr für ihre Ernährung zu zahlen, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg den kanadischen Ernährungsexperten Sylvain Charlebois. "Es wird nur noch schlimmer werden."

Gefahr sozialer Unruhen

Global sieht die Lage noch bedenklicher aus. FAO-Ökonom Abdolreza Abbassian meint, dass viele Menschen derzeit an Einkommen verlören. Das sei das Rezept für soziale Unruhen, meint der Experte. Die hohen Preise wirkten in vielen Regionen bereits destabilisierend, weil sie die Menschen in Not brächten und sie die Erwartung nährten, die Regierung müsse etwas tun, um ihnen zu helfen.  

In ihrem aktuellem vierteljährlichen Ernährungsbericht weist die FAO darauf hin, dass derzeit weltweit 45 Länder bei der Nahrungsmittelversorgung auf Hilfe angewiesen sind, davon 34 in Afrika und neun in Asien. Die Folgen der Pandemie hätten die Verletzlichkeit vieler Länder verschärft und den Bedarf an humanitärer Hilfe erhöht, schreiben die Fachleute der FAO.

Corona als Brandbeschleuniger

Die Inflation der Nahrungsmittelpreise trifft viele Menschen in einer ohnehin schon schwierigen Lage. "Corona wirkt weiterhin als Brandbeschleuniger für Hunger und Armut weltweit", stellt Mathias Mogge fest, Generalsekretär der Welthungerhilfe. So sieht es auch der Präsident des International Fund for Agriculture (IFAD), Gilbert F. Houngbo: Die aktuelle Pandemie sei ein Weckruf. Landwirtschaft, Gesundheit, Armut und Hunger dürften nicht isoliert betrachtet werden: "Die Probleme der Welt hängen miteinander zusammen, auch die Lösungen sind miteinander verflochten."

Das zeigt das Beispiel Zentralamerika. Das World Food Programme (WFP) teilte kürzlich mit, dass sich die Zahl der vom Hungerproblem betroffenen Menschen in Ländern wie El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua in den vergangenen zwei Jahren vervielfacht habe. Neben der durch die Pandemie verursachten globalen Wirtschaftskrise hätten auch Jahre mit extremen Wetterbedingungen dafür gesorgt, dass fast acht Millionen Menschen in Zentralamerika chronisch hungrig seien, so das WFP.

Und Miguel Barreto, WFP-Regionaldirektor für Lateinamerika und die Karibik, stellt fest, dass wegen der Pandemie Nahrungsmittel in den Regalen für viele Menschen dort außer Reichweite geraten seien.

Rekordpreise in Nigeria, dramatische Lage in Syrien

In Nigeria ist die Lage ebenfalls äußerst angespannt. Dort erreichte die Inflation bei Nahrungsmitteln im Jahresvergleich im Januar ein Rekordhoch vom 20,57 Prozent. Wie das nigerianische Bureau of Statistics mitteilte, seien vor allem gestiegene Preise für Brot, Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Fisch und Öl für den Anstieg verantwortlich. Nach Angaben des Statistikbüros haben Nigerianer 2019 im Schnitt 56,5 Prozent des Einkommens für Essen ausgegeben.

In ihrer Studie rechnet die FAO damit, dass in Nigeria 9,2 Millionen Menschen dringend Unterstützung für ihre Ernährung benötigen. Die Tätigkeit von kriminellen Banden sowie örtliche Konflikte hätten in einigen Regionen zugenommen, sodass viele Haushalte dort ihren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen könnten.

Menschen in einem Flüchtlingslager in Ain Issa, Syrien mit Kisten mit Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms der UNO, Archivbild. | REUTERS

Menschen in einem Flüchtlingslager in Ain Issa, Syrien, mit Kisten mit Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms der UNO, Archivbild. Bild: REUTERS

Auch die Ernährungslage im seit Jahren vom Krieg geschüttelten Syrien spitzt sich gerade dramatisch zu. Wegen des Verfalls der syrischen Lira hätten sich die Lebensmittelpreise verdreifacht, sagte Konstantin Witschel, Syrien-Koordinator der Welthungerhilfe. Mehr als zwölf Millionen Menschen hätten nicht genug zu essen. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie können laut Witschel nicht abgefedert werden. 

Das Problem wirkt sich bereits in politisch stabilen Staaten aus. In anderen Regionen geht es schlicht ums Überleben.

Über dieses Thema berichtete NDR Fernsehen am 05. September 2020 um 08:00 Uhr.

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